Schwarzer: Die große Verschleierung Erziehungsdiktatur Deutschland

Alice Schwarzer gibt einen Sammelband über Islam und Feminismus heraus. Es geht darin nicht um kritische Auseinandersetzung, sondern darum, den fremden Glauben vorzuführen.

Von T. Steinfeld

Einerseits könnte man an der "großen Verschleierung", dem von Alice Schwarzer herausgegebenen und von ihr und einem Dutzend Autorinnen verfassten Werk wider den "wachsenden Einfluss des politischen Islam nicht nur in Deutschland" mit einem Achselzucken vorbeigehen: Alle Beiträge waren schon in der Zeitschrift Emma veröffentlicht, zu einem großen Teil sind sie mehrere Jahre alt, und in ihrer Empörung über das Ansinnen der Pädagogin Fereshta Ludin, mit einem Kopftuch in den baden- württembergischen Schuldienst zu treten, wirken sie ebenso veraltet wie in ihrer Begeisterung für den "konservativen und populären" französischen Innenminister Nicolas Sarkozy, der auf "Integration" statt auf Multikulturalismus setze.

Andererseits bedeutet ja wohl allein das Faktum der Wiederveröffentlichung, dass zumindest Verlag und Herausgeberin diese Artikel für ungebrochen aktuell halten. Und mehr noch: durch seinen wiederholenden Charakter, durch die Fixierung der Artikel auf diesen einen Gegenstand, durch seine Hartnäckigkeit und, vor allem, durch seine Redundanz wirft sich dieser Sammelband zu einer großen Schmäh- und Kampfschrift gegen den Islam "nicht nur in Deutschland" auf.

Ein "genaues Bild vom heutigen Stand der kritischen Auseinandersetzung über den Islamismus" verspricht der Verlag. Das ist eine Irreführung. Denn es geht hier nicht um eine "kritische Auseinandersetzung", sondern darum, den fremden Glauben und seine militanten Anhänger vorzuführen, im Stil einer Entlarvung, die das biographische Detail nicht ausspart. Das Ziel dieser Kampfschrift besteht nicht darin, den Islam und dessen politische Radikalisierung zu "kritisieren", also sich zu überlegen, was es mit diesem auf sich hat, warum es ihn gibt, auch hierzulande, was er will und daraus praktische Schlüsse zu ziehen.

Für oder gegen das Böse

Stattdessen erscheint der Islam insgesamt als das Abzulehnende schlechthin, und wer ihm begegnet, sieht sich sofort der letzten Frage ausgesetzt, ob er nun für oder gegen das Böse sei. Es geht nicht um eine Auseinandersetzung, die sich tatsächlich an Muslime richtete (und nur eine solche Kritik könnte sich auf die historische Aufklärung berufen), sondern um eine radikale Abfertigung aufgrund immer schon gesetzter Maßstäbe. Ihre Adressaten sind nicht die Andersgläubigen, sondern die Anhänger der eigenen Partei, deren Gesinnung bestätigt werden soll. Ein paar Dutzend ausgewählt krasser Fallbeispiele (und es sind immer dieselben) reichen aus, um die Behauptung zu begründen: "Ein streng am Normenkatalog der Scharia orientierter Islam ist nicht integrationsfähig, es sei denn unter Preisgabe von Grundrechten, die für die Gesamtbevölkerung gelten sollen" (Rita Breuer).

Diese Parteilichkeit hat umgekehrt zur Folge, dass es ausreicht, über den Islam und seine gesellschaftliche oder politische Praxis überhaupt nachdenken zu wollen, um jeden intellektuellen Vorbehalt (im Übrigen auch er eine Errungenschaft der historischen Aufklärung) als Feigheit oder gar als Verrat erscheinen zu lassen. Stattdessen ist Militanz gefordert, denn der Feind ist nicht nur aggressiv: "Wer die Befreiung muslimischer Mädchen vom Sport- und Schwimmunterricht akzeptiert, stelle sich bitte darauf ein, in absehbarer Zeit auch über Biologie, Kunst, Musik oder die Themenwahl im Geschichtsunterricht zu diskutieren. Schluss mit lustig." (Rita Breuer)

Vielmehr ist er auch verschlagen und heimtückisch, sodass man ihm die Maske vom Gesicht reißen muss, um seine wahren Absichten zu erkennen. "Das wahre Problem ist die systematische Unterwanderung unseres Rechtssystems mit dem Ziel der ,Islamisierung' des Westens" (Alice Schwarzer). Mit der historischen Aufklärung, auf die sich die "Islam-Kritiker" berufen, haben solche Verschwörungstheorien nichts zu tun, um so mehr aber mit Geistfeindlichkeit und innerer Mobilmachung. Deswegen wirken auch die paar Vorschläge, wie mit dem radikalen Islam umzugehen sei, immer so schwach bemessen - ganz gleich, ob das Kopftuchverbot, die obligatorische Teilnahme an Klassenfahrten oder ein intensiverer Deutschunterricht genannt wird. Sie wirken so unangemessen, weil die Intention auf etwas viel Größeres zielt: Nur was will man mit den Millionen Muslims in Deutschland tun - sie zwangsweise umerziehen, sie ausweisen (so wie es der von Emma bewunderte Nicolas Sarkozy jüngst mit zweitausend Roma tat), sie alle miteinander in ein Ghetto sperren?

Kulturkampf gegen den Islam

Der radikale Laizismus, so wie ihn die gegenwärtige französische Regierung praktiziert, ist eine halbherzige Angelegenheit. Denn er geht zum einen selektiv mit religiösen Symbolen um, und zum anderen unterstellt er, jedes Kopftuch berge eine Bekenntnis zum radikalen Islam - was, von Einzelfall zu Einzelfall, kaum zu beweisen wäre. Die Entschlossenheit, mit der sich Alice Schwarzer dem französischen Vorbild anschließt, vom Kopftuch bis zum Schwimmunterricht, läuft auf eine innenpolitische Feinderklärung hinaus, deren Konsequenz wenn nicht die Ausweisung vieler Muslims, so aber doch eine Erziehungsdiktatur wäre. Bislang gestaltet sich die politische Kultur der Bundesrepublik oft anders: Eher, als dass sie Hassprediger verbannte (das tut sie auch), setzt sie ihnen, in einem Akt der Gleichstellung der Konfessionen, eine staatliche Ausbildung von Imamen entgegen. Und beharrt darauf, dass Schwimmenkönnen eine notwendige Kulturtechnik ist, ohne zugleich einen Kulturkampf gegen den Islam zu führen.

Wenn es nicht schon das Ideal einer Erziehungsdiktatur ist, das dazu führt, dass jeder Versuch, weniger das Vorurteil als vielmehr den Verstand walten zu lassen, als Illusion des "Multikulturalismus" oder Naivität des "Gutmenschen" vom Tisch gefegt wird - ganz so, als wäre die in den achtziger Jahren beliebte prinzipielle Anerkennung anderer Kulturen nicht das eigentliche Komplement zur gegenwärtig so erfolgreichen prinzipiellen Ablehnung der "nicht-integrationswilligen" Ausländer und ihrer Kinder und Enkel.

"Multikulti" und "Islam-Kritik" gleichen sich in ihrem rigorosen Moralismus ebenso wie in ihrer Laxheit im Umgang mit Argument und Urteil. Die einen wollen die Bösartigkeit aller islamischen Kultur, die anderen die Gutartigkeit des "Fremden" nicht begründen müssen. Und so, wie der Multikulturalismus die bunten Bilder der fremden Kulturen, um deren Gleichbehandlung er sich bemühen wollte, erst in die Welt setzte, stellt die "Islam-Kritik" die Feinde des demokratischen Vaterlands her, indem sie alle Äußerungen des anderen Glaubens in den Verdacht stellt, nur die Verschleierung ganz anderer und grundsätzlich böser Absichten zu sein. "Alles klar?", um mit einer Autorin des Buches zu reden.

Das finstere Gegenteil der abendländischen Kultur

Es stimmt: Der radikalisierte Islam will die Privatisierung des Glaubens nicht gelten lassen. Er arrangiert sich nicht mit laizistisch verfassten Staaten. Er verachtet das westliche, stets relativierende Bekenntnis zur Religion, dem immer mehr Christen nur an Sonntagen und die meisten allenfalls noch zu großen Festen nachgehen. Und vor allem wurde er - als er sich, im Iran, im Irak, in Ägypten, in Algerien, als herrschende sittliche Macht im Staat gefährdet sah - zu einer politischen Partei, betrieb den Umsturz mit terroristischen Mitteln und führte ihn als fortlaufendes Strafgericht fort, auch als die Macht längst errungen war. Es gibt keinen Grund, sich diesen Glauben oder gar diese Gewalt zu eigen zu machen. Es gibt aber auch keinen Grund, ihn zum finsteren Gegenteil der abendländischen Kultur zu erklären.

Denn es trifft ja nicht einmal zu, dass die christlichen Religionen sich selbst für private Angelegenheiten halten (auch wenn sie seit ein paar hundert Jahren auf physischen Terror verzichten). Ihr Gottesdienst findet in der Öffentlichkeit statt, er ist in jeder Stadt, in jedem Dorf auf mannigfaltige Weise sichtbar. Keine der großen christlichen Kirchen verzichtet auf Stellungnahmen zur Abtreibung, zum Krieg in Afghanistan. In der Allgemeinheit des Anspruchs unterscheiden sich die Kirchen also nicht vom Islam, und doch muss dieser als besonders anachronistische Veranstaltung mit einem immanenten Hang zum Terrorismus, zur Unterdrückung des entfalteten Menschen im Allgemeinen und der Frau im Besonderen gelten.

Glaubt man den Autorinnen dieses Bandes, dann ist die Welt zum Gegenstand einer gigantischen Verschwörung geworden, deren wahres Ausmaß die allzu zahlreichen "Gutgläubigen", verblendet durch "falsche Toleranz", gar nicht wahrnähmen. "Jetzt sitzen Kapitalisten und Postkommunisten", erklärt Alice Schwarzer zur Lage der Welt zwischen dem Iran, Tschetschenien und Afghanistan, "in einem Boot - und zittern vor der heranbrandenden grünen Welle". Cornelia Filter erkennt einen "islamistischen Zusammenschluss mit der propalästinensischen Linken und antikapitalistischen Globalisierungsgegnern" sowie "mit radikalen Rechten", und auch sonst herrscht kein Mangel an großen und kleinen Taten der Verschwörung.

Alle Unterscheidungen, auf die auch die Autorinnen dieses Bandes Rücksicht nehmen wollen, alle Differenzen zwischen radikalen und gemäßigten Muslims gehen an solchen konspirativen Phantasien zugrunde: Denn immer ist da der Verdacht, es könne "Verschleierung" sein, und dieser Verdacht ist ohne ein gehöriges Maß an Rassismus nicht zu haben: So sind sie eben, die Muslims. Oder genauer: So ist er eben, der Muslim.

Denn was hat Afghanistan in den Untergang getrieben: "Männerterror im Namen des Islam" (Gabriele Venzky). Und wer kann das Land retten? Eine "Truppe mutiger und entschlossener Frauen" - ganz so, als könnten Frauen keine religiösen Fanatiker sein, als könnten sie keine Kriege führen und nicht über große Staaten herrschen. Dem ebenso grundsätzlich freundlichen Urteil über "die Frau" steht in diesem Buch das entsprechend schlechte Urteil über "den Mann" gegenüber, wobei der islamische Mann als immanente und ultimative Steigerung des Mannes schlechthin erscheint. Der bürgerliche Feminismus, mit dem Alice Schwarzer vor drei, vier Jahrzehnten ihre öffentliche Laufbahn begonnen hatte, hat im Muslim seinen größten Gegner gefunden, schlägt sich selbstzufrieden auf die Seite einer "Allianz der Willigen" und landet bei der Bild-Zeitung. Man kann das auch anders sagen: Wer solche Volksheldinnen hat, muss sich über die Abwesenheit einer fremdenfeindlichen Partei in Deutschland nciht mehr wundern.