Aktion an der Schaubühne Globale Missstände und Massaker im Fünf-Minuten-Takt

Der Schweizer Theaterregisseur Milo Rau beruft an der Berliner Schaubühne ein Weltparlament ein. Kann das funktionieren?

Von Anna Fastabend, Berlin

Es ist eine schöne Utopie mit Rissen, die der Schweizer Theaterregisseur Milo Rau mit seinem Weltparlament "General Assembly" am Wochenende an der Berliner Schaubühne präsentiert hat. Drei Tage lang standen diejenigen im Mittelpunkt, die unter Krieg, Vertreibung, Ausbeutung und Umweltzerstörung leiden. Eine sprach- und machtlose Mehrheit, die, so Raus Utopie, wieder selbst über ihr Leben entscheiden soll. Probeweise im Theater, vertreten von mehr als 60 Menschen aus der ganzen Welt.

Die Abgeordneten, unter ihnen Anwälte, Aktivisten und persönlich Betroffene, traten nicht nur für menschliche Anliegen ein, sondern auch für die Bienen der Provence, die Weltmeere und vieles mehr. Ein größenwahnsinniges, aber auch ermutigendes Experiment, das mit einem symbolischen "Sturm auf den Reichstag" am Dienstag endet.

Optisch wird den Zuschauern während der Eröffnung, den fünf Plenarsitzungen und dem Abschluss im Theatersaal nicht viel geboten: Es gibt nicht mal ein halbrundes Plenum. Die Weltparlamentarier sitzen in den ersten Reihen des Zuschauerraums. Auf der Bühne unter einem leuchtend roten Banner Präsidentin Khushi Kabir, die sich im normalen Leben gegen Shrimps-Farmen in Bangladesch einsetzt, und ihre zwei Stellvertreter. Daneben ein Rednerpult, ein Stenografenplatz, links und rechts Monitore, Übersetzerkabinen.

Der Ablauf der dreistündigen Sitzungen ist nüchtern, formalisiert, anstrengend. Parlamentspolitik halt. Dafür sind die Debatten, in denen es um diplomatische Beziehungen, Sanktionen und Krieg, Regulierung der globalen Wirtschaft, Migration und Grenzregime, Kultur und Umwelt geht, um so hitziger. Die Abgeordneten verteidigen ihre Anträge so leidenschaftlich oder halten so wütende Gegenreden, dass die deutschen, englischen und französischen Simultanübersetzer manchmal kaum nachkommen.

Vieles wirkt echt, so dass man streckenweise vergisst, dass alles in erster Linie nur Fiktion ist. Allerdings eine Fiktion, nach der sich offenbar viele Menschen sehnen. Die Veranstaltungen sind während der drei Tage fast immer ausverkauft. Sie werden an mehreren europäischen Theatern und im Internet live übertragen und sollen im Netz anschließend abrufbar sein.

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