16. Februar 2013 12:13 Frank Schirrmachers "Ego - Das Spiel des Lebens" Vom Sieg eines inhumanen Modells

Am Anfang war es nur ein Wort, eine Fiktion: der "homo oeconomicus". Doch längst hat dieses Modell die Macht über die reale Ökonomie, vor allem aber über die Individuen gewonnen. "Ego", die Kapitalismuskritik von FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, lehrt uns das Grausen.

Von Andreas Zielcke

Warum können ausgerechnet Literaturwissenschaftler, Ethnologen und Feuilletonisten zur Zeit so beeindruckende Kapitalismuskritiken schreiben? Dass sie sich zutrauen, Weisheiten über alles und nichts und Gott und die Welt zu verkünden, weiß man. Trotzdem ragen Essays wie Joseph Vogls "Gespenst des Kapitals", David Graebers "Schulden" und jetzt das am kommenden Montag erscheinende Buch des FAZ-Herausgebers Frank Schirrmacher "Ego - Das Spiel des Lebens" (Blessing Verlag, 352 Seiten, 19,99 Euro) weit über diesen gehobenen Dilettantismus hinaus. Wieso also? Zwei Antworten liegen nahe.

Experten der Ethnografie und der Literatur sind gewohnt, behauptete Sachverhalte und vermeintlich Unverrückbares als Fiktion, als Narration wahrzunehmen und zu deuten. Darum provoziert sie der heutige Kapitalismus, der sich seit dem Fall des Kommunismus wie ein alternativloses Naturgesetz gibt, gegen das Widerspruch sinnlos ist. Dass sich hinter seinem unbedingten Geltungsanspruch eine gesellschaftliche Konvention verbirgt, die gemacht und gewollt und in einen tiefreichenden Sinnzusammenhang eingebettet ist, den es zu erfragen, auszulegen und in Kontexte zu setzen gilt, kommt dem angestammten Metier jener eigentlich fachfremden Exegeten nahe. Man muss den Kapitalismus auch zu "lesen" verstehen.

Zum anderen haben wir es, und damit nehmen wir schon Schirrmachers Kernthese vorweg, spätestens seit dem Beginn des digitalen Zeitalters mit dem "Informationskapitalismus" zu tun. Und was sind Informationen anderes als fabrizierte Objekte, die Sinn vermitteln und der Interpretation bedürfen? Wenn schließlich auch Geld nur eine Information ist, wenn auch eine ganz besondere, verdinglicht und virtuell zugleich und mit einer verbindlichen Wertaussage, dann verlangt es erst recht nach Interpreten, die mit vieldeutigen Zeichen und Sprachen umzugehen wissen.

Dass hierbei kein Werk entsteht, das den Standards der Wirtschaftswissenschaften entspricht, gar nicht zu reden von der Finanzmathematik, versteht sich. Wer das vermisst, wird Schirrmachers Schrift beiseitelassen. Aber auch er würde viel verpassen. Schirrmacher beschreibt den Sieg eines synthetischen, letztlich inhumanen Modells - den homo oeconomicus - über die realen Individuen, ihre Lebenswelt, ihre Gesellschaft und Institutionen, ihre Demokratie. Ein Sieg, der für die Unterliegenden außerordentlich verlustreich ist.

Die Mittel, mit denen Schirrmacher diesen verhängnisvollen Sieg darstellt, sind unakademisch, aber in der Tat mit feuilletonistischer Bravour und Suggestivkraft eingesetzt - und mit dem Entsetzen vor dem, was er beschreibt. Wer sein Buch unterschätzt, weil es darin von (für ihn so typischen) Superlativen und apokalyptischen Untertönen wimmelt und weil es assoziativ, selektiv, zugespitzt und beschwörend voranstürmt, statt ruhig und analytisch einen Schritt nach dem anderen zu machen, der bringt sich um die Chance, an seinen bedeutenden Einsichten teilzuhaben. Offensichtliche Lücken muss man selber schließen. An einer Stelle des Buches heißt es in einem Zitat, dass Menschen im Unterschied zum homo oeconomicus "intuitiv und heuristisch" handeln. Von intelligenter Intuition und nachdenkenswerter Heuristik zeugt auch das Buch selbst.

Zu verwechseln mit traditioneller Kapitalismuskritik ist es nicht. Vom Fetisch der Ware, vom Mehrwert, von der Ausbeutung der Arbeiter, vom Klassenkampf steht darin kein Wort. Schirrmacher als "linken" Kapitalismusgegner hinzustellen oder, je nachdem, zu loben, liegt daher daneben. Sein Erkenntnisinteresse ist ein ganz anderes. Man kann es, ohne ihm nahezutreten, aus der tiefen Verunsicherung des bürgerlichen Selbstverständnisses ableiten, das unter die Herrschaft des neuen, Geist und Seele vereinnahmenden Kapitalismus gerät und sich darin nur noch in entstellter, pathologischer Verfassung wiederfindet.

Was ist neu an dieser Ökonomie?

Nach Schirrmacher ist es eine ebenso unwiderstehliche wie toxische Kombination aus drei Elementen: die den Wettbewerb und Markt inzwischen beherrschenden Maximen der Spieltheorie; der im homo oeconomicus zum Modell erhobene und nobilitierte Egoismus; und schließlich die totale Digitalisierung der Ökonomie, die die Marktprinzipien universalisiert und jedes Unternehmen, jeden Privathaushalt nicht nur miteinander vernetzt, sondern in dieselbe ökonomische Logik der Informationsgewinnung und -verarbeitung zwingt.

Im Zentrum steht die Spieltheorie. Historisch hat sie, das sagen jedenfalls ihre Anhänger, ihren großen Glanz im Kalten Krieg erhalten, bis dahin war sie nur eine mathematische Spezialität einer Handvoll Eggheads. Den Amerikanern aber, die den eminenten praktischen Nutzen der Theorie erkannten und ihre politischen und militärischen Winkelzüge gegen den östlichen Erzfeind konsequent an ihr ausrichteten, habe sie am Ende den Triumph über das Sowjetreich gebracht. Nach diesem unüberbietbaren Beweis ihrer Leistungskraft sei sie auf die Wirtschaft übertragen worden. Auch Schirrmacher legt großen Wert auf diese historische Herleitung, weil es ihm darauf ankommt, dass seither die spieltheoretisch angeleitete Ökonomie einen Kalten Krieg gegen die Menschen führe: "Es geht nicht mehr um die Sowjetunion, es geht um alle."

Wirtschaftshistoriker werden diese Verknüpfung akzeptieren oder anzweifeln, doch sie ist, trotz des Aufwandes, den Schirrmacher hier treibt, nicht wirklich von Bedeutung. Denn unbestreitbar ist, dass spieltheoretische Prinzipien heute so gut wie allen avancierten mathematischen Programmen zugrundeliegen, die von Investoren, Banken, Brokern und Unternehmen in direkten Konkurrenzsituationen angewendet werden. Und das hat in der Tat nicht zu überschätzende gesellschaftliche Folgen, die in dem harmlosen Begriff "Spieltheorie" so verborgen sind wie der biblische Wolf im Schafspelz.

Entscheidend ist, dass diese Theorie Entscheidungskämpfe zwischen Rivalen mathematisch durchspielt, indem sie für jeden "Mitspieler" alle strategischen Optionen, Gewinnchancen und Risiken quantitativ ausformuliert und berechnet. Die einzige Unterstellung lautet, dass jeder "Spieler" nur sein Eigeninteresse verfolgt: rational, ungerührt, auf Selbstmaximierung bedacht. Hauptanwendungsfälle sind Konkurrenzen in "nicht-kooperativen" Konstellationen, vor allem in solchen, in denen man sich gegenseitig auch nicht in die Karten schauen kann - eben wie beim Gegeneinander im Kalten Krieg, aber auch wie in Wetten auf dem Finanzmarkt, beim Derivatenhandel zwischen Tradern oder bei der feindlichen Übernahme eines Unternehmens.

Der methodische Egoismus, der hier mit mathematisch kalkulierbarer Potenz ausgestattet wird, ist derselbe, der in Gestalt des homo oeconomicus die Basis der marktradikalen Lehre bildet. Dass heute die Verhaltensökonomie auch andere, "irrationale" Motive der Akteure einbezieht, übergeht Schirrmacher, doch das lässt sich wegen der faktischen Dominanz der neoliberalen Sichtweise vertreten.

Der Clou seines Buches ist nun, dass er veranschaulicht, wie dieses Modell des "rationalen Egoismus", das zunächst nur eine Fiktion, eine schlichte Vereinfachung für formalisierbare Theoriebildung darstellte, nach und nach die ökonomische Praxis beeinflusst und schließlich so tief darin eindringt, dass es sie nach seinem Bilde formt. Das Modell macht sich die Realität untertan, das künstliche Geschöpf, Frankenstein, wird Vorbild, Eminenz und Herrscher über seinen Schöpfer. Der Modellplatonismus entpuppt sich als Realtyrannei.

Natürlich war der homo oeconomicus, elaboriert in Chicago, schon immer mehr als pure Vereinfachung, es war stets ein ideologiegeladener Idealtyp. Doch nun gewinnt er imperiale Macht, dringt als überwältigendes Schema - gerade weil er alle individuelle Besonderheiten für irrelevant erklärt - in alle Köpfe, in alle Karriereanforderungen, in alle Institutionen, die rechenschaftsfähig sind. Was diesen Homunkulus am meisten befördert und unwiderstehlich macht, ist die überragende ökonomische Effizienz, die er verspricht. Tatsächlich erzielt der Finanzmarkt als Vorreiter des neuen Kapitalismus dadurch, dass er sich dem Modell am getreuesten anpasst, historisch nie dagewesene Gewinne. Erst jetzt hat er sich seiner letzten Zwänge entledigt, der Zwänge hinderlicher individueller Realitäten, menschlicher Besonderheiten, Altruismen und Lebensträume.

Der immaterielle Preis ist hoch. Schirrmacher wird nicht müde, auf die Schattenseiten der Herrschaft dieses asozialen, amoralischen kalten Kriegers hinzuweisen. Eine Kopfgeburt und virtuelle Instanz, die er eigentlich nur ist, nötigt er trotzdem seinen realen Adressaten, das uns bekannte bürgerliche Individuum, zur ständigen Selbstverleugnung, zumindest aber zur permanenten Schizophrenie.

Jeden Sozialverband, selbst jedes Unternehmen zerlegt das neue Wesen innerlich, Loyalitäten erkennt es nurmehr aus Berechnung an. Jeder Mensch ist entweder sein eigener Ich-Unternehmer oder er fällt aus dem Rahmen. Jeder verhält sich nur noch strategisch zum Nächsten. Finten, Täuschung, Taktik zum eignen Vorteil sind die erlaubte Regel, weil der Gegenüber dies weiß und es genauso macht.

Da hier eine verbindliche Gemeinsamkeit nicht mehr anerkannt wird, muss sich selbst der Staat den Erwartungen der aus lauter ökonomischen Egoisten und Autisten bestehenden (Zerfalls-)Gesellschaft unterordnen. Er wird zum bloßen Mitspieler herabgestuft. Gemeinwohl kennt der homo oeconomicus nicht, die Funktion als "marktüberwolbendes Gebilde" gesteht er dem Staat nicht zu.

Darum lichtet sich auch das scheinbare Rätsel, dass so viele Wähler nach der Krise jene politischen Kräfte stärkten, die für den Crash mitverantwortlich sind: Man muss sich nur vergegenwärtigen, welche pervers-folgerichtige innere Wahlverwandtschaft inzwischen die beiden Sphären, den Markt und die marktkonforme Demokratie, miteinander verbindet.

Wir kennen die These, dass der Kapitalismus noch in die feinsten Kapillaren der Lebenswelt eindringt, spätestens seit Adorno. Doch gegenüber den heutigen Dimensionen scheinen die damaligen Verhältnisse noch wie eine spätbürgerliche Idylle. Vor allem die Digitalisierung hat diese Transformation, das ist Schirrmachers architektonischer Schlussstein, ungeheuer beschleunigt und radikalisiert. Sie hat die Welt nicht nur technologisch verändert, sondern ihr eine neue soziale Physik beschert.

Es ist nicht einfach das Phänomen des Big Data, das Sammeln, Tauschen und immer intelligentere Verarbeiten immer gewaltigerer Datenmengen. Vielmehr geht es zunächst um die alles andere als triviale Tatsache, dass es sich hier um "Informationen" handelt, die transferiert werden. Informationen - nicht: Wissen. Informationen sind alle jene kleinen Sinnpartikel, die Sensoren und Software erfassen, noch weiter zerlegen, weiterleiten und nach rein strategischen Gesichtspunkten (Werbung wie Google Adwords, Prognose von Börsenkursen etc.) automatisiert zusammenbauen, um sie zu kommerzialisieren.

Am bedeutsamsten ist dabei die versteckte Implikation, nämlich die Entwertung des Wissens zugunsten der Information. Schirrmacher führt aussagekräftige Zitate von Großmeistern und erfolgreichen Unternehmern der digitalen Industrie an, die sich allesamt darüber einig sind, dass "Information" in diesem Kontext nicht "Verstehen" voraussetzt. Im Gegenteil - das Verarbeiten von Informationen, ohne ihnen einen verstehbaren "Sinn" zuschreiben zu müssen, ist die Basis ihrer automatisierten Verwertung.

Und hier setzt das tiefe bürgerliche Unbehagen Schirrmachers ganz besonders an. Wenn Wissen als Quelle vor allem des gesellschaftlichen immateriellen Reichtums ausgemustert und durch automatisierbare sinnfreie Informationen ersetzt wird, entfällt alles, was wir mit Bildung, Lebenserfahrung, Selbsterkenntnis, ja auch mit dem Zweck universitärer Ausbildung und Forschung verbinden. Damit bricht ein bildungsbürgerliches Weltbild zusammen. Dass das universitäre Bachelorstudium sich verwandelt in die verschulte Aufnahme von hochselektiven Wissenspartikeln, die von den Studenten längst nicht mehr in größere thematische Zusammenhänge eingeordnet und interpretiert werden müssen, ist zwar erst ein Trend, aber vielsagend genug, um ins Bild zu passen.

Folgerichtig ist diese Entwicklung deshalb, weil der homo oeconomicus kein Wissen im emphatischen Sinne braucht, nur unendlich viele Informationen, um die neueste Marktentwicklung einschätzen und ausbeuten zu können. Am Ende hat alles seinen Preis. Denn der Preis einer Ware sieht Friedrich von Hayek bekanntlich als Resultat der leistungsfähigsten Informationsmaschinen, die wir haben, der Märkte. Er ist das gültige Symbol für diesen Sieg über das Wissen.

Dramatisch ist aber noch ein anderer Aspekt, der wieder zurück zur Spieltheorie führt. Je stärker sich der Kapitalismus auf das Prozessieren von Informationen verlegt, desto drastischer wirkt sich das dort aus, wo alles kulminiert, auf dem Finanzmarkt und in der Welt der Trader. Sie verkörpern den Prototyp des rational an Profitmaximierung orientierten "Spielers".

Um sich gegenseitig bei ihren Wetten und Transaktionen mit Optionen, Futures und anderen Derivaten zu übertrumpfen und auszustechen, müssen ihre spieltheoretischen Strategien in den Computerprogrammen nicht nur immer raffinierter und fallenreicher werden, sondern auch immer schneller: Inzwischen hat sich das Tempo der komplexen wechselseitigen Spiel- und Gegenspielzüge so hochgeschaukelt, dass schon der Vorsprung von Nanosekunden reichen kann, um Sieg und Gewinn davonzutragen. Das aber ist beileibe nicht nur ein sportliches Phänomen.

Denn bei dieser Gelegenheit zerbröselt der Hochgeschwindigkeitshandel eines der Fundamente der Rechtsordnung: ausgerechnet das unternehmerische Eigentum. Inzwischen beträgt die durchschnittliche Haltezeit von Aktien an der Börse sage und schreibe 22 Sekunden. Es ist noch nicht lange her, da waren es im Schnitt mehr als vier Jahre. Eine verantwortliche Rolle des Miteigentümers eines Unternehmens, die ja der Aktienbesitz darstellt, ist damit hinfällig. Wer, wenn nicht die Eigentümer tragen dann die Verantwortung?

Dieser speziellen Frage geht Schirrmacher nicht nach, es wäre bei seinem Parforceritt durch die Domänen des Informationskapitalismus auch viel verlangt. Deutlich aber macht sein Schnelldurchgang, zu welchem abgrundtiefen Pessimismus er neigt. Dass dieser Pessimismus womöglich gleich eine ganze Reihe von Kindern mit dem Bad ausschüttet, deutet er in einigen Zwischenbemerkungen seines Buches selbst an. So hermetisch ist es ohnehin nicht verfasst. Die dystopische Tönung seiner Grundthese muss man sich nicht zu eigen machen, um von seinen Einsichten zu profitieren. Auch digitalophobe Reflexe, die ihm wegen seines Buches "Payback" vorgeworfen werden, drängen sich hier nicht auf.

Dass die Krise, die Europa und die Weltwirtschaft noch immer fest im Griff hat, kein vorübergehendes Ereignis ist, sondern zur Dauererscheinung des heutigen Kapitalismus werden dürfte, sagen inzwischen viele, wohl zu Recht. Sicher ist, dass man zumindest in der Eurozone nicht aus dem Kollaps von 1929 gelernt hat.

Sicher ist aber auch, dass der heutige Kapitalismus mit dem damaligen nur noch wenig gemein hat. Dass seine Superrationalität, die seinen mathematisierten Entscheidungsprogrammen zugrundeliegt, eine Scheinrationalität ist, die von ihren eigenen Urhebern und Akteuren nicht verstanden wird und im anspruchsvollen Sinne auch gar nicht zu verstehen ist, das ist bei Schirrmacher bestens nachzuvollziehen. Dass er nicht der erste ist, der den Finger auf diese déformation humaine legt, die Bürger und Staat einem grotesken, inhumanen Zerrbild ihrer selbst ausliefert, ändert daran nichts.