21. November 2012 12:17 Die CDs der Woche - Popkolumne Geheimtipps mit Orden

Der Mercury Prize ist einer der wenigen guten Pop-Preise dieser Welt, der dieses Jahr an Alt-J für ihr neues Album "An Awesome Wave" ging. Das löst Argwohn aus, denn kaum jemand kennt die Indie-Pop-Band. Zu Unrecht: Die Platte ist absolut preiswürdig. Dies und weitere Prämierungen aller Art - hören Sie selbst in unserer aktuellen Popkolumne in Kooperation mit Spotify.

Von Jens-Christian Rabe

"An Awesome Wave" von Alt-J: Eines der besten, weil außergewöhnlich sorgfältig komponierten Indie-Pop-Alben des Jahres.

(Foto: Pias UK)

Alt-J

Als Anfang des Monats der Gewinner des diesjährigen Mercury Prize verkündet wurde, wunderten sich nicht wenige Beobachter, und einige waren sogar richtig verärgert. Der Mercury Prize wird seit 1992 einmal im Jahr an das beste Popalbum einer britischen Band vergeben und ist im Vergleich zu den ungleich kommerzieller, also eng an den geschäftlichen Interessen der Musikindustrie orientierten Brit Awards einer der wenigen guten Pop-Preise dieser Welt.

Mit anderen Worten: Es steht wirklich die Qualität und Originalität der Musik im Mittelpunkt. In der Liste der Preisträger stehen deshalb seltener die Chart-Superstars des jeweiligen Jahres als Pop-Künstler, denen wirklich interessante und wegweisende Alben gelungen sind. Bands wie Portishead (1995), Franz Ferdinand (2004), Antony And The Johnson (2005) oder The xx (2010).

In diesem Jahr ging der Preis an die Band Alt-J und ihr in Deutschland im Mai erschienenes Album "An Awesome Wave" (Pias UK), und verwundert waren viele, weil sie von der Band bis dahin noch kaum etwas gehört hatten. Die, die sich wie der Londoner Telegraph ärgerten, sahen in der Auszeichnung der "obskuren" Indie-Pop-Band aus Leeds die endgültige Selbstmarginalisierung des Preises.

Wir nicht. Das Album ist eines der besten, weil außergewöhnlich sorgfältig komponierten Indie-Pop-Alben des Jahres und absolut preiswürdig. Das Video zur wunderbar schleppenden Single "Tessellate" ist sogar ganz unglaublich: Raffaels berühmte "Schule von Athen" ist darin ein bewegtes Gemälde. Nur statt den Philosophen stehen da als obercoole schicke Prolls herausgeputzte britische Jungs und Mädchen. Was für ein schöner, kleiner, irrer Zeichenschauer.

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Neben den wenigen offiziellen Qualitäts-Preisen des Pop gibt es natürlich unzählige inoffizielle. Das Prädikat "Jetzt schon ein Klassiker" ist vielleicht das begehrteste - wenn es denn wirklich einmal in seltener Einigkeit vergeben wird.

Gilt in seltener Einigkeit als eine der besten Hip-Hop-Platten seit langer, langer Zeit: "good kid, m.A.A.d city" von Kendrick Lamar.

(Foto: Interscope)

Entgegen mancher hartnäckiger Vorurteile ist das allerdings nicht allzu oft der Fall. Beim zweiten Studio-Album "good kid, m.A.A.d city" (Interscope) des aus Los Angeles stammenden Rappers Kendrick Lamar war es jetzt allerdings mal wieder so. Die Einigkeit ging diesmal sogar so weit, dass sich ein Kritiker des amerikanischen Musikmagazins Spin auf Pitchfork, der einflussreichsten Pop-Webseite der Welt, in einem langen Artikel dafür rechtfertigen musste, dass er das Album zwar gut, aber nicht unfassbar gut fand.

Hierzulande erklärte der Spiegel das Album zur "besten Hip-Hop-Platte seit langer, langer Zeit", ließ allerdings clevererweise offen, welchen Zeitraum man darunter in Hamburg genau versteht.

Die letzten aufsehenerregenden Arbeiten der Odd-Future-Gang oder von Jay-Z und Kanye West sind eigentlich noch recht frisch. Und an deren musikalischen Mut und Einfallsreichtum reicht "good kid", das von Dr. Dre produziert wurde, nun einmal nicht wirklich heran.

Als kluger Geschichtenerzähler, als aufgeklärtes Ghetto-Kid allerdings (also als sozialdemokratischer Glücksfall schlechthin) ist Lamar, wenigstens, soweit man das von hier aus beurteilen kann, wirklich sehr gut.

Womit wir beim Trostpreis wären. Den verleihen wir in dieser Woche mit Vergnügen an den wunderbaren kanadischen R'n'B-Sänger, Songwriter und Produzenten Abel Tesfaye, der als The Weeknd jetzt "Trilogy" (XO&Co/Universal) veröffentlicht hat.

Die Box enthält die gefeierten ersten drei The-Weeknd-Alben "House Of Balloons", "Echoes Of Silence" und "Thursday" samt einiger neuer Songs. Als physische Musik-Veröffentlichung, als Tonträger, den man in die Hand nehmen kann, ist "Trilogy" schon deshalb interessant, weil Abel Tesfaye seine Musik bislang im Netz verschenkte. Jetzt vertreibt er sie auch mit Hilfe von Universal, der größten Plattenfirma der Welt.

Wobei das alles, was inzwischen manchmal zu oft vergessen wird, der Musik ja nichts anhaben kann. Mit Blick auf die mittelfristige Unsterblichkeit dieser Songs ist es eher zu begrüßen, dass sie in Zukunft nicht nur körperlos im Netz herumschweben, sondern eben auch eine echte Form annehmen durften.

Als ultramoderne verwehte Klagegesänge haben sie das unbedingt verdient. Wie Frank Ocean ist The Weeknd Teil dieser so eindrucksvollen Bewegung die mit Michael Jackson den einst so grausig virilen R'n'B zu einer Musik der gnadenlosen Introspektion umbaut.

Fortlaufende Popkolumne der SZ.

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