10. Todestag von Kurt Cobain Rock´n´Roll wird niemals sterben

Vor zehn Jahren nahm der Nirvana-Sänger sich das Leben - hier sind acht Erinnerungen, die bleiben.

Von bgr

Jeder Amerikaner, der alt genug ist, kann sich präzise erinnern, wo er war, als Präsident John F. Kennedy ermordet wurde. War der Selbstmord des Nirvana-Sängers Kurt Cobain vor zehn Jahren ein ähnlich einschneidender und prägender Moment? Acht Autoren unterschiedlichen Alters versuchen, sich zu erinnern, wo und wie sie von Cobains Tod erfahren haben.

Das Leben ist doch eh Scheiße

Ich war gerade auf Klassenfahrt irgendwo in der Brandenburgischen Natur, als ich von Kurt Cobains Tod erfuhr. Die meisten Jungs waren damals eingeschworene Nirvana-Fans, ließen sich gerade die Haare wachsen und trugen löchrige Jeans und T-Shirts der Band. Sie wussten es natürlich zuerst. Als sie es uns erzählten, ahnten wir schon, dass es keine unbeschwerte Klassenfahrt werden würde. Die Jungs, die schon vorher Kurt Cobains Weltschmerz nachgelebt haben, wurden durch seinen Selbstmord völlig aus der Bahn geworfen. Sie sahen sich in ihrer These bestätigt, dass das Leben doch ¸¸eh Scheiße" sei und rauchten extra viele Zigaretten, um ihre Todessehnsucht zu dokumentieren. Wir Mädchen hätten natürlich lieber andere Sachen angestellt als nur schweigend rumzusitzen und Kurts Lieder zu hören, hatten dann aber zu viel Respekt und litten verständnisvoll mit.

Was mich seitdem an Nirvana fasziniert, ist immer wieder dieses Gemeinschaftsgefühl: Wenn ein Lied wie ¸¸Smells Like Teen Spirit" auf einer Party oder in einem Club läuft, stürmen die unterschiedlichsten Leute auf die Tanzfläche und flippen aus - nicht jeder für sich, sondern alle gemeinsam. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl, diese Verbundenheit mit meiner Generation, weckt keine andere Band.

Schock im Postershop

Vor drei Jahren habe ich das erste Mal von Nirvana gehört. Meine Freundin musste in der Schule ein Referat über eben diese Gruppe halten. Die Musik zog mich sofort in ihren Bann. Sie klang so anders als das Popgezwitscher von Britney Spears oder Christina Aguilera. Von da an war Nirvana für mich das Größte. Ich schmückte meinen Schulranzen mit ihren Buttons, und mein Zimmer war mit Kurt-Cobain-Postern tapeziert. Diese Euphorie hat ein wenig nachgelassen, als ich beim Stöbern in einem Postershop ein Exemplar mit Kurts Lebensdaten fand. Dass sich dieser eigentlich recht süße Typ mit der coolen Sonnenbrille das Leben genommen hatte, war dann doch irgendwie erschreckend - aber meinen Fanatismus für die Band konnte die neue Erkenntnis nicht stoppen.

Videotext wie Honig

Ich kam gerade mit zwei Freunden vom Gardasee zurück. Wir hatten in der Ostersonne herumgelungert und über die Zukunft geredet, die flimmernd vor unseren Abiturientenaugen lag. Über den Brenner fuhren wir direkt auf die Party eines Bekannten. Es war eigentlich keine Party, aber die Eltern waren weg, und wir hatten das Haus für uns. Das Mädchen, das damals alle küssen wollten, zog es vor, nicht zu kommen. So tranken wir Bier mit denen, die wir nicht küssen wollten, die aber immerhin da waren.

Morgens um vier wurde es uns auf der Terrasse zu kalt. Wir gingen ins Haus und hörten Musik im Wohnzimmer, wo ohne Ton der Fernseher lief, der aus unerklärlichen Gründen auf Videotext geschaltet war. Ich las gerade noch ¸¸Nirvana-Sänger begeht Selbstmord", da blätterte die Videotext-Tafel um, und zeigte Sportergebnisse auf ¸¸Seite 2/5". Niemand außer mir hatte die Meldung gesehen, niemand wollte es glauben. Quälend langsam blätterte der Videotext um, die Minuten tropften wie Honig, dann tauchte die Nachricht wieder auf: Selbstmord in Seattle. Kurt Cobain war tot.

Obwohl wir zu dieser Zeit versuchten, uns in Zynismus zu überbieten, hatte keiner von uns Lust auf harte Sprüche. Fassungslos saßen wir in einem rustikalen Elternwohnzimmer, das von einem bunten Fernsehschirm beleuchtet wurde, und nahmen Abschied. Die Sonne des Gardasees brannte noch auf unseren Gesichtern. Vielleicht waren es auch Tränen.

Gammelig und traurig

Nirvana war die Band, die mich zum Musikhören gebracht hat, deswegen ist sie mir auch heute noch so wichtig. Ich war 13, als diese Musik meine Welt erschütterte, und fände es schade, wenn 13-Jährige irgendwann nicht mehr wissen, wer dieser Mann war. Denn für mich ist Kurt Cobain der letzte große Rockstar. Danach ist nichts mehr gekommen.

Als sich die Nachricht von seinem Tod in der Schule ausbreitete, dachten wir, das sei ein Scherz. Ausgerechnet Selbstmord, das war alles zu surreal, um es wirklich zu begreifen. In den Tagen danach gab es kein anderes Gesprächsthema. Wir hörten ja alle nichts anderes als Nirvana. Zumindest die coolen Leute. Die konnte man daran erkennen, dass sie Cordhosen trugen und ein bisschen gammeliger waren als die anderen, die es einfach nicht kapiert hatten und immer noch den langweiligen Mainstream-Pop hörten. Auch wenn ich nach Cobains Tod nicht nach Seattle zur Trauerfeier geflogen bin, ja nicht einmal Kerzen in unserem Pausenhof angezündet habe, hat sein Tod die Faszination, die von der Musik ausging, noch verstärkt. Wir haben uns die Köpfe heiß geredet, ob der Abschiedsbrief wirklich von ihm stammt, und wie groß der Einfluss seiner Frau Courtney Love auf den Selbstmord war. Wir haben immer wieder die Platten angehört und uns gefragt, ob diese oder jene Zeile schon eine Andeutung für seinen Selbstmord sein könnte - hinterher kann man ja in fast alles etwas hinein lesen.

Come as you are zur Tankstelle

1994. Mühsam hatte ich mir in Darmstadt, dem ¸¸Einkaufsparadies am Tor zum Odenwald" (Postkarten-Selbstauskunft), ein Lebenswerk aus langem Haar, Grunge und pathetischen Ansichten geschaffen. Trotz aller kleinbürgerlichen Privilegien empfand ich mich als recht authentisch. Schließlich hatte ich einen Nebenjob, der darin bestand, an einer Autobahnraststätte den Kunden Benzin ihrer Wahl in die Wägen zu füllen, den Ölstand zu prüfen und die Scheiben zu putzen. Kurzum: Ich war der amerikanische Traum an der A5 bei Darmstadt auf der Raststätte Gräfenhausen West. Trug dazu einen Bart wie Kurt Cobain in diesem einen Video. Ob jemand anders diesen Bezug jemals hergestellt hatte, scheint mir heute beim Betrachten alter Fotos eher unwahrscheinlich.

Bei den Zapfsäulen zog es immer furchtbar. Auch an diesem einen Tag. Ich stand herum, befüllte, atmete Benzin. Aus der krächzenden, übersteuerten Sprechanlage, die von einem Mikro an der Kasse nach draußen röhrte, und die sonst höchstens benutzt wurde, um mir ¸¸Nummäär zwo hat net gezahlt!" mitzuteilen, erklang plötzlich ¸¸Come As You Are" in nahezu unhörbarer Klangqualität. War der vernarbte Typ da drin noch ganz dicht? Wenige Autos später erzählte es mir ein Kunde. Es liefe gerade im Radio: Cobain habe sich das Leben genommen. Dazu krächzte über mir ein verrußter Lautsprecher Nirvana-Songs, übertönte den Autolärm. Jeden, der unter 60 war, sprach ich während der Schicht an, hörte viel Blödsinn. Egal. Trost wollte ich sowieso nicht, ich war vielmehr besoffen von Dämpfen, Tod und der Erwartung, das müsse der Auftakt für den ganz großen Knall sein, der auch diese Provinz hier erbeben ließe. Erst als Tage später klar war, dass nichts dergleichen passieren würde, wurde ich traurig.

So laut, dass auch ich cool war

An den Tag, an dem Kurt Cobain gestorben ist, habe ich keine besondere Erinnerung. Wahrscheinlich war es ein ganz normaler Tag: Schule, Hausaufgaben, Streit mit einer Freundin, einen Regenwurm zertreten. Von Cobains Tod hat mir vermutlich jemand auf dem Pausenhof erzählt - für so was habe ich kein Gedächtnis. Wenn ich heute Nirvana höre, ist es wieder wie damals, und ich bin wieder fünfzehn. Das war das Alter, in dem ich noch leidenschaftlich zwischen gut und böse unterschieden habe. In dem ich immer irgendwie unglücklich war und immer irgendwie verliebt. Dabei habe ich so intensiv gefühlt wie später nie mehr. Mit Nirvana verbinde ich laute Partys, auf denen es so dunkel war, dass auch ich mich cool fühlen konnte und beim Tanzen durchgeschwitzte T-Shirts. Aber auch nass geheulte Kissenbezüge.

Es sind eher die langsamen, stilleren Songs, die mich ansprechen. ¸¸Unplugged In New York" ist absolut zeitlos und immer noch eines meiner liebsten Alben aller Zeiten. Lieder wie ¸¸Pennyroyal Tea" werde ich auch in zehn Jahren noch hören.

Im Stich gelassen

Ich habe von Kurt Cobains Tod einen Tag später erfahren. Damals war ich 13. Mit meiner damaligen besten Freundin verfolgte ich die Berichterstattung auf MTV. Nicht jeder war betroffen. Meine Eltern begriffen nicht, warum ich so sehr trauerte. Klar, ich sprach ja kaum mit ihnen. Kurt Cobain, von dem ich mich verstanden glaubte, hatte es vorgezogen, alleine zu sterben. Ich fühlte mich im Stich gelassen und betrogen. Beim Anhören seiner Musik hatte mich immer gefühlt, als würde ich etwas Verbotenes tun. Oder als hätte ich ein Geheimnis, von dem niemand etwas wusste. Zur Musik von Nirvana haben meine Freundin und ich an uns herumgeritzt, haben versucht, uns Tätowierungen zu machen und uns gegen Wände geworfen. Ich habe keine Ahnung wieso, aber es machte Spaß, und der Schmerz tat jedes Mal gut. Ich liebte die Energie der Musik und die Wut in der Stimme Kurt Cobains. Als er starb, gab es keinen mehr, der für mich schrie. Ich hatte mich zu sehr auf ihn als Sprachrohr verlassen und bemühte mich gar nicht, meine Enttäuschungen und Anspannungen jemandem mitzuteilen. Erst Jahre später lernte ich, mit meiner Wut umzugehen, wenn auch nur langsam. Ich begriff, dass ich etwas erreicht hatte, was Cobain vermutlich nie besessen hat: den Mut und die Kraft zu leben. Das Leben schön und lebenswert zu finden, ist schwieriger, als sich umzubringen.

Die Erinnerung an Kurt Cobain bleicht Jahr für Jahr aus, auch wenn der Kult immer wieder neu aufbereitet wird. Ich höre die Musik heute nicht mehr oft - höchstens vielleicht noch zum Malen. Manchmal spielen sie aber einen guten Remix von ¸¸Smells Like Teen Spirit" in einem Club. Oder in der Großraumdisko.

Emotional verpasst

Woran lag es, dass ich auf Kurt Cobain nicht richtig einsteigen konnte? War es dieses Jim-Morisson-artige Krieger-Pathos? Das wäre mir damals, als ich meine schlechte Laune zu revolutionärer Wut verklären wollte, gerade recht gewesen. Aber die Fans! Fast alle waren über Nacht ¸¸Grunger" geworden - selbst die spießigen Hardrockhörer, die meiner Liebe zu Indiebands zuvor mit spöttischem Mitleid begegnet waren. Und mit diesen Pennern sollte ich jetzt abends nackt und mit einer Socke auf dem Schwanz durch den Stadtpark laufen? In Lüdenscheid war das nämlich so: Nirvana-Fans waren Pearl-Jam-Fans waren Red-Hot-Chili-Peppers-Fans. In letzt genannter Funktion stellten sie mit Vorliebe das berühmte Sockenfoto ihrer Idole nach. Es wäre unmöglich gewesen zu sagen: ¸¸Hey, ich bin auch für Nirvana, aber maskulin-sportlichem Mucker-Funk werde ich nicht huldigen, indem ich meinen dürren Körper noch zusätzlich mit einer Socke verschandle." Man musste sich schon entscheiden, und so wählte ich ein blasiertes Ressentiment, welches das popkulturelle Großereignis der Neunziger emotional an mir vorbeirauschen ließ.

Ich weiß nicht mehr, wo ich war, als Cobain starb. Allerdings erinnere ich mich daran, von einem Grunger angeschrien worden zu sein, weil ich die Sache nicht ernst genug nahm. Aber sagt mal, was macht eigentlich Peter Ustinov?

Quelle: Süddeutsche Zeitung Nr.80, Montag, den 05. April 2004 , Seite 10