46. Hofer Filmtage Die Kamera taumelt mit

Traditionsgemäß präsentieren die Hofer Filmtage die Herbstkollektion des deutschen Films. Dieses Jahr ist das Authentische in Mode - oft allerdings als bloße Behauptung oder Effekt. Das "Familiäre" des Festivals, vor einigen Jahren noch belächelt, wird derweil wieder zum Qualitätsmerkmal.

Von Rainer Gansera

"Sei authentisch! Erzähl' dich selbst, dann hört dir jeder zu!" Es sind Parolen von Rosa von Praunheim, Tom Tykwer hat sie zu einem Song verarbeitet. In einer Travestie popmusikalischer Genres, von Hip-Hop über Country bis zur Scooter-Hymne, präsentiert Tykwer diese Merksätze, schließt sie ironisch kurz mit dem Widerpart des Gemeinten: dem Klischee, der Masche. Fulminante Szene aus "Rosakinder", einer Hommage an Rosa von Praunheim, der demnächst seinen 70. Geburtstag feiert.

Tykwers und Rosas Handschriften als Filmemacher sind derart verschieden, dass niemand auf die Idee kommen würde, den Genrevirtuosen Tykwer für ein "Kind" des Ad-hoc-Provokateurs Rosa zu halten. Doch er ist es: "Rosa hat mir eine imaginäre Tür geöffnet und mich weggeholt von der Straße der Beliebigkeit, hinein in die Geheimkammern des Kinos, in denen Intimität, Ehrlichkeit und ein gewisses Ausgeliefertsein das Einzige sind, was zählt."

Herzstück der 46. Hofer Filmtage war "Rosas Welt", ein Programm von 70 neuen Filmen Rosa von Praunheims, das in der Ankündigung wie ein größenwahnsinniger Opus-Magnum-Versuch aussah, sich aber als herrliches Panorama seiner Porträtkunst entpuppte. Rosa von Praunheim: einst Enfant terrible des Neuen Deutschen Films, Aktivist der Schwulenbewegung, Poet und Provokateur - hier zeigt er sich als Meister der liebevollen Zeichnung. Dass er auch ein leidenschaftlicher Lehrer ist, bezeugen in "Rosakinder" fünf seiner Schüler: Julia von Heinz, Chris Kraus, Axel Ranisch, Tom Tykwer, Robert Thalheim.

Mehr als ein Lehrer: ein Freund, eine Vaterfigur, ein Schamane, ein Zuchtmeister, Schutzengel und Prophet der leidenschaftlichen "Sei authentisch"-Philosophie. Eine Philosophie, die gelebt und praktiziert wird. Die Beiträge des "Rosakinder"-Quintetts stehen dafür ein. Es sind Filmemacher, die "sich erzählen", während sie ihren Mentor spiegeln. Eine der bewegendsten Arbeiten, die in Hof zu sehen waren. Persönlich, phantasievoll, ausschweifend. Auch ein erstaunliches Filmemacher-Manifest.

Die Helden taumeln und torkeln

Authentizität, das Zungenbrecherwort. Anspruch der großen Bewegungen des europäischen Autorenkinos, zugleich eine Maxime, die sich bestens eignet zur Unterscheidung der Geister und Stile. Traditionsgemäß präsentieren die Hofer Filmtage die Herbstkollektion des deutschen (und deutschsprachigen) Films, und es zeigte sich dieses Jahr auffällig, dass das Authentische Konjunktur hat. Zumeist freilich als bloße Behauptung oder Effekt, sozusagen als unauthentisches Authentischsein, als ein So-als-ob auf drei Ebenen: kamera-stilistisch, inszenatorisch und thematisch.

Es gab zahlreiche Filme - schon Eröffnungsfilm "Eastalgia" gehörte dazu -, die allein den wackligen Handkamerastil zum Ausweis einer quasidokumentarischen Wahrhaftigkeit machen wollen. Da wird viel getrunken, die Helden taumeln und torkeln, die Kamera taumelt mit und gibt vor, irgendeine Lebensprallheit einzufangen, während die Erzählung Rührseligkeiten anhäuft und die Charaktere von der Leine lässt. Das im Trash-Milieu Münchens angesiedelte Junkie-Melodram "Annelie" versuchte, damit Eindruck zu schinden, dass es milieu-echte Laiendarsteller zum Einsatz bringt. Das erzeugt frappante Effekte, die durch einen auf Werbeästhetik angelegten visuellen Stil dann prächtig konterkariert werden.

Beinahe selbstverständlich scheint es für deutsche Filme zu sein, das Aufsuchen "bitterer Realitäten" zum Ausweis des Authentischen zu machen. Es häuften sich in Hof - symptomatisch für den Überhang an fernsehspielartigen Produktionen - die Geschichten von unheilbar Erkrankten, armen Straßenkindern, verzweifelten Junkies. Dazu Dramen über Figuren mit Migrationshintergrund. Die aktuell besonders beliebten Themen, Motive und deren Durchführung: Die Straßenkinder gründen eine Band und bringen einander nicht mehr um, die Todkranken erfahren endlich die große Liebe, die Migranten sehnen sich nach heimatlicher Folklore.

Das Glanzstück der internationalen Reihe, "Après Mai" von Olivier Assayas, lebt vom Feuer autobiografischen Erzählens, wenn die aufwühlende Zeit nach dem Mai 1968 in Paris von Jugendlichen durchquert wird. Wo die aus eigenen Erfahrungen gespeiste Erzähllust fehlt, bleiben die Dinge blass und kulissenhaft, wie bei jenen deutschen Produktionen, die ebenfalls das 68er-Thema umkreisten. Wahrhaftigkeit lässt sich nicht nach Bedienungsanleitung herstellen. Sie ergibt sich wie von selbst: aus einer Hingabe des Blicks, einer Intensität der Darstellung, oder aus der rückhaltlosen Erforschung eigener Erfahrungen.

"Erzähl dich selbst"-Maxime

So überraschte die als Schauspielerin bekannte Karoline Herfurth in ihrem Regiedebüt "Mittelkleiner Mensch" mit einer Darstellerriege, die ein Karussell komödiantischer Exaltiertheit besteigt und bezaubert. Grandios: Benny Claessens in Julie Kreuzers "Bumpy Night". Claessens zieht in Bann, bewegt, erschüttert, und verschafft der Trennungsgeschichte unvergessliche Augenblicke der Wahrheit. Zwei Kurzfilme, die mit ihrem Einfallsreichtum, Witz und ihrer ästhetisch-moralischer Stimmigkeit einen Großteil der Langfilme hinter sich ließen.

Wolfram Hunke hätte alle Voraussetzungen dazu, als "Rosakind" adoptiert zu werden, denn sein "Love Alien" folgt der "Erzähl dich selbst"-Maxime einzigartig konsequent und sehr gelungen. Tatsächlich erzählt Hunke nicht nur von sich, er erzählt sich, er liefert sich aus, in der Art eines Tagebuchfilms enthüllt er das Drama seiner Beziehungsuntauglichkeit wie in einer Lebensbeichte. Es geht um Menschen, die à la Dornröschen auf den weckenden Kuss warten, der sie aus einer abgrundtiefen Gefühlsstarre erlösen könnte. Der eindrücklichste Film - einer, der idealtypisch zu den Hofer Filmtagen passt, für die deren Begründer Heinz Badewitz seit 46 Jahren daran festhält, ein persönliches, intimes Festival zu gestalten.

Das "Familiäre" der Hofer Filmtage, vor einigen Jahren noch als "etwas verstaubt" belächelt, wird in der aktuellen, auf Zirkulations-Effizienz getrimmten Festivallandschaft schon wieder zur außerordentlichen, utopischen Qualität. Rosa von Praunheim war in Hof von Anfang an mit seinen wichtigsten Arbeiten vertreten. Dass seine Welt und die der Hofer Filmtage so nahe beieinanderliegen, ist Auszeichnung für beide.