SZ-Werkstatt Unter jungen Europäern

Pia Ratzesberger, 27, antwortete auf die Standardfrage nach dem Erasmus-Programm mit: Bologna, Italien. Sie hat Politik und Ökonomie studiert, besuchte die Journalistenschule Ifp und ist seit Herbst 2015 bei der SZ Volontärin.

(Foto: Bernd Schifferdecker)

Pia Ratzesberger hat in Brüssel die junge Generation getroffen. Sie schuftet für ein grenzenloses Europa. Eine Unikarriere, ohne bei den Nachbarn gelebt zu haben? Mag sich keiner vorstellen. Ratzesberger wählte die Dolce-Vita-Stadt Bologna.

Es gibt Vorurteile über Brüssel, die durchaus ihre Berechtigung haben: Ja, die Arbeit der Europäischen Union ist kompliziert. Ja, man verläuft sich schnell in Gebäuden mit Abkürzungen wie "ASP" oder "BERL". Und ja, es gibt in dieser Stadt sehr, sehr viele Lobbyisten. Eines aber stimmt nicht, zumindest schon lange nicht mehr: dass in Brüssel vor allem die Alten arbeiten, die ihre Karriere ausklingen lassen, müde vom Leben. Denn zu den ersten Fragen im Europaviertel gehört neben der nach dem Namen, dem Land oder dem Job mittlerweile auch: "Und wo hast du Erasmus gemacht?". In solchen Runden zählt einer nach dem anderen dann auf: Jönköping, Schweden. Parma, Italien. Cork, Irland. Aix-en-Provence, Frankreich - die Liste ist beliebig fortsetzbar.

Im Innersten der EU schuftet jetzt eine Generation, die nur ein Europa ohne Grenzen kennt und dieses bewahren will. In einer Zeit, in der zum ersten Mal ein Land die EU verlässt und viele den Glauben an dieses Gebilde verloren haben, sagen diese Leute: Jetzt erst recht.

Roman Deininger und ich haben junge Europäer in der Kommission und im Parlament begleitet, in Stiftungen und in Lobbyfirmen. Beim Schwitzen in der Turnhalle, beim Vortrag in der Fabrikhalle, beim Netzwerken am Place du Luxembourg - die jeden Donnerstagabend so voll ist, dass die Stadt den Kreisverkehr sperrt. "Let's go Pluxing" sagen sie dann, Europa trifft sich zum Feierabendbier. Es ist ein junges, lautes Europa, auch ein ehrgeiziges. Für viele von ihnen war Brüssel das große Ziel, nach renommierten Universitäten, Dutzenden Praktika. Fragt man, warum sie nach Brüssel gekommen sind, formulieren sie das unterschiedlich, letztendlich aber ist es die immer gleiche Antwort: weil sie an die Idee glauben. An ihr Europa.