SZ-Werkstatt Früh übt sich

Wie schreibt man ein Streiflicht? Das würden nicht nur viele Leser, sondern auch so manche Journalisten gerne wissen. Harald Hordych gewährt einen kleinen Einblick in diese Kunst.

Ganz oben links auf der Seite eins der Süddeutschen Zeitung, am Startpunkt für den Blick des Lesers, steht bereits seit 1946, kurz nach der Gründung der SZ, das Streiflicht. Eine kleine Runde von vier oder fünf Kolleginnen und Kollegen versammelt sich jeden nach Journalistenkriterien frühen Morgen und überlegt, was ein geeignetes Thema sein könnte. Gerade die vermeintlich komischsten Meldungen, bei denen man sich beim Vorlesen vor Lachen ausschütten möchte, erweisen sich oft als die undankbarsten Themen. Erinnern Sie sich an die Gülle, die neulich vom Traktoranhänger in ein offenes Cabriolet schwappte? Was für eine bizarre Geschichte! Aber wenn der Witz schon erzählt ist, bevor wir angefangen haben, uns damit zu beschäftigen, kann daraus kein gutes Streiflicht mehr werden. Deswegen hat es der Güllewagen nicht dorthin geschafft.

Beim Streiflicht sind oft die unspektakulären, eher unscheinbaren Meldungen der Ausgangspunkt für die vom Thema fortführenden, nicht immer ganz ernsthaften Gedanken. Am Anfang steht oftmals etwas Seriöses, aus dem nichts Unseriöses, aber doch etwas Heiteres und Hintergründiges entsteht. Ohne konkreten Anlass mal ein bisschen lustig über Gott und die Welt zu philosophieren, das ist nicht die Geschäftsgrundlage.

Die Texte stellen uns vor die Herausforderung, mit 70 Zeilen verhältnismäßig kurz zu schreiben, obwohl selbst 70 Zeilen verdammt lang werden können. Eine noch größere Herausforderung ist es, immer wieder junge Autoren zu finden, damit die morgendliche Runde nicht zum Altherren-Klub wird. Hier sind wir, glücklicherweise, inzwischen mit mehreren Kolleginnen und Kollegen um die 30 auf gutem Weg. So gesehen ist es um die Zukunft des mehr als 70 Jahre alten Streiflichts gar nicht so schlecht bestellt.