SZ-Werkstatt Einen Nerv getroffen

Ulrike Heidenreich ist Redakteurin im Ressort Innenpolitik. Sie besucht regelmäßig Flüchtlingsheime. Nach der Silvesternacht von Köln sprach sie dort mit geflüchteten Frauen über deren Situation in den Unterkünften.

(Foto: Buschmann)

SZ-Redakteurin Ulrike Heidenreich über die Leser-Reaktionen auf ihren jüngsten Leitartikel.

Von Ulrike Heidenreich

Irgendwann am Vormittag ploppten die E-Mails mit Leserbriefen im Minutentakt auf dem Bildschirm auf - ein Hinweis, dass der Leitartikel über Frauen und Flüchtlinge mit dem Titel "Berechtigte Sorge" vom 20. September soeben online gegangen war bei sueddeutsche.de. Es ist ja so, dass wir SZ-Redakteure immer viel Anregung und Kritik auf Meinungsartikel im Blatt bekommen. Online entwickelt sich aber noch mal eine eigene Dynamik. Auf Facebook, Twitter und anderen Plattformen posteten die Leser den Link weiter. So gab es zu dem Kommentar mehr als 15 000 Interaktionen allein auf Facebook - Likes, Shares, Comments; das ist ein hoher Wert.

In diesem Leitartikel hatte ich über ein Unbehagen geschrieben, das viele Frauen verspüren. Sie fürchten, falsche Signale auszusenden, wenn sie einer Gruppe männlicher Flüchtlinge begegnen, die mit anderen Rollenbildern sozialisiert wurden. Vorausgegangen war eine lebhafte Diskussion in der Morgenkonferenz der Redaktion - ausgehend von einer irreführenden Kriminalstatistik über Delikte durch Flüchtlinge. Wie damit umgehen? Ganz einfach journalistisch: Fakten und Stimmungen präzise benennen, ohne Verklärung einerseits, ohne Dämonisierung andererseits, Ursachen suchen.

Einen Tag später führte ich ein Interview mit der Berliner Strafrechtsprofessorin Tatjana Hörnle, in dem sie die Welten, die da aufeinanderprallen können, genau beschreibt. Beide Texte haben stark polarisiert. Ein kleiner Teil der Briefeschreiber unterstellte das Schüren von Fremdenhass und AfD-Wahlhilfe. Der überwiegende Teil der Leserbrief-Autoren begrüßte es, dass dies in der SZ thematisiert wird. Verschweigen schürt noch mehr Unsicherheit. Unter anderem an den hohen Leserzahlen können wir ablesen, dass das Thema die Menschen immens bewegt.