Geburtshilfe In der Ruhe liegt die Kraft

Kinder gebären in wenigen Zentren mit optimaler technischer Ausstattung - ist das die Zukunft der Geburtshilfe? Leserinnen und Hebammen widersprechen vehement.

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"Wohl geboren" vom 14./15. Oktober:

Langer Weg erhöht das Risiko

Ich habe drei kleine Kinder. Die jüngste Tochter (knapp sechs Monate alt) ist eines der letzten Babys, das in unserem kleinen Krankenhaus auf die Welt kommen durfte. Ich bin sehr dankbar, dass es dieses Krankenhaus in dieser Form gab, denn sonst wäre mein Kind sicher auf dem Weg in das 30 Minuten entfernte Krankenhaus im Auto auf die Welt gekommen. Wohlgemerkt nicht, weil ich so tapfer war und stundenlang daheim die Wehen ausgehalten habe, sondern weil zwischen Wehenbeginn und Baby im Arm Halten nur 40 Minuten lagen. Da sind 30 Minuten eine Strecke, die nicht zu machen ist.

Ich muss mich ärgern, wenn Nina von Hardenberg schreibt, wir bräuchten große, gute Zentren, da zwei von hundert Geburten kompliziert wären und besser in einem gut ausgestatteten Krankenhaus stattfinden sollten. Eine Bekannte war sofort per Hubschrauber in einer großen Uniklinik, als sie in der 31. Woche Geburtswehen bekam, aber alleine in meinem Freundeskreis habe ich zahlreiche Beispiele für Geburten, die ein weiter entferntes Krankenhaus schlicht aus Zeitgründen nicht mehr geschafft hätten.

Ja es ist richtig, die kleinen Krankenhäuser sind nicht für Extremfälle ausgestattet. Das müssen sie auch gar nicht, denn eigentlich ist eine Geburt etwas gut Machbares und keine schwere Krankheit. Nur vergessen wir das zunehmend. Wenn die Schwangere ein "schwieriger Fall" ist, kann und muss sie verlegt werden oder sich gleich von vornherein für ein anderes Krankenhaus entscheiden, aber es kann doch nicht sein, dass Frauen irgendwann dann eben zehn von 100 Kindern unterwegs im Auto ohne Hebamme auf die Welt bringen müssen. Barbara Pelikan, Bad Aibling

Prävention statt Hightech

Eigentlich ist längst bekannt, dass Stress und Angst äußerst schädlich für den Geburtsverlauf sind. Es ist anzunehmen, dass ein Hubschrauberflug während der Entbindung für nahezu jede Frau mit Ängsten und Anspannung verbunden ist. Und auch ein Auto ist definitiv kein Ort, in dem sich Wehen gut aushalten lassen. Zudem geht es ja nicht nur um den Transport an sich, sondern auch darum, dass Geburten manchmal ganz schön schnell gehen - und Frauen es dann womöglich gar nicht mehr rechtzeitig in den Kreißsaal schaffen, wenn die Anfahrten immer länger werden.

In dem Artikel wird so getan, als sei die medizinische Ausstattung nach der Geburt das Wesentliche. Dabei zeigt die Erfahrung: Prävention ist besser als Intervention! Man sollte erst einmal überlegen, wie Geburten so erlebt und begleitet werden können, dass Frauen sich sicher fühlen und nicht durch Angst im Prozess blockiert werden, sodass intensivmedizinische Hilfe möglichst gar nicht nötig ist. Melanie Schüer, Georgsmarienhütte

Segensreiche Klinik-Zentren

Nina von Hardenberg gebührt Dank, die Thematik recherchiert und auf den Punkt gebracht zu haben. Die Erkenntnisse in dem Artikel "Wohl geboren" sowie die gezogenen Schlüsse sind folgerichtig und finden im emotional geladenen und wenig auf Fakten beruhenden Disput um Wohl und Weh im Kontext von Schwangerschaft und Geburt nur leider wenig Gehör. Vor allem die betroffenen Patienten interpretieren leider den Weckruf nach Versorgung in Zentren mit adäquater Versorgungsstruktur als Bevormundung und wittern allzu oft eine unnötige Medizinisierung der Geburt. Die Thematik wird mithin von den Entscheidungsträgern in der Politik konsequent gemieden. Es wäre ausgesprochen wünschenswert, wenn die gesundheitspolitischen und -ökonomischen Themen der Zentrenbildung und die daraus resultierende Qualitätssteigerung öfter als bisher in den Blickpunkt des öffentlichen Interesses gehoben würden. Schließlich geht es um nicht weniger als das Leben zweier Menschen. Zum Glück - aber eben in diesem Fall der besseren Erkenntnis abträglich - ist Geburt in unseren Breiten vergleichsweise sicher. Vielleicht müssten drastischere Bilder vor Augen geführt werden, um einen Bewusstseinswandel zu induzieren. Der Airbag im Auto und der Sicherheitsgurt helfen auch nicht bei jeder Fahrt und trotzdem akzeptieren und schätzen wir deren segensreiche Wirkung im Falle eines Falles. Könnte es sich für die maximale Unterstützung der Mutter und der Neugeborenen an einem Perinatalzentum nicht ähnlich verhalten - sofern dies nottut? Univ.-Prof. Peter Kranke, Würzburg

Hebammen aufwerten

Die Zentralisierung im Gesundheitssystem ist nicht immer die Lösung aller Dinge, man sollte sich auch sehr differenziert anschauen, über wen oder was man spricht. Eine Geburt ist zu allererst ein physiologischer Prozess, der dann gut abläuft, wenn die Grundvoraussetzungen stimmen. Wenn in Deutschland endlich die Voraussetzungen geschaffen würden, dass eine Hebamme eine Gebärende während der Geburt begleiten darf, dann kann auch bei Komplikationen frühzeitig interveniert werden und in äußerst seltenen Notfällen kann sie Dank engmaschiger Beobachtung rechtzeitig in ein großes Geburtszentrum verlegt werden.

Ob die niedrige Säuglingssterblichkeit und die niedrige Sectiorate der Schweden daran liegt, dass es dort wenige hochspezialisierte Zentren für Geburten gibt, halte ich für fraglich. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Hebammen in Schweden einen weitreichenderen Handlungsspielraum haben als bei uns. In der Geburtshilfe arbeiten sie autonom, führen zum Beispiel Vakuumentbindungen oder äußere Wendungen durch. In Schweden betreuen und beraten Hebammen zum Beispiel präventiv Jugendliche, übernehmen die Schwangerenvorsorge, begleiten bei der Geburt, im Wochenbett und stehen den Frauen beratend bis zum Ende der reproduktiven Phase bei, weil die Hebammen die Expertinnen für diese Lebensabschnitte sind. Interessanterweise haben die hebammengeleiteten Kreißsäle in Deutschland auch eine deutlich niedrigere Komplikations- und Sectiorate.

Leider hat der kürzlich ergangene Schiedsspruch die Situation der Hebammen in Deutschland noch weiter verschlechtert. Denn er wird bestimmt nicht dazu führen, dass eine freiberufliche Hebamme nur noch zwei Gebärende gleichzeitig betreut. Vielmehr wird er dazu führen, dass noch mehr Hebammen den Beruf aufgeben müssen, Kreißsäle wegen Personalmangels schließen müssen und aus Zeit- und Kostengründen die Sectiorate noch weiter ansteigen wird. Die großen Geburtszentren in Deutschland sind jetzt schon häufig überlastet und leider weder personell noch räumlich darauf vorbereitet worden, den zusätzlichen Geburten gerecht zu werden. Somit wird ein natürlicher Vorgang pathologisiert und die Leidtragenden sind letztendlich die Frauen und ihre Kinder. Marianne Steib, Gauting

Es geht wieder mal nur ums Geld

Die eher mäßige Wertschätzung am Beginn des Lebens zieht sich für unsere Kinder wie ein roter Faden durch die Gesellschaft: zu wenige Kitaplätze ganztags, zu wenige Erzieher, übervolle Gruppen, später übervolle Klassenzimmer und zu wenige Lehrer, schlecht bis gar nicht in Stand gehaltene Klassenzimmer und Sanitäranlagen usw. Das Wort "sozial" wurde aus "soziale Marktwirtschaft" längst gestrichen, es geht eben nur noch um Gewinne. Selbst zu Beginn des Lebens muss die Geburt einen Gewinn erwirtschaften - das ist bitter und zeigt punktuell, dass die Ökonomisierung des Gesundheitswesens in unserem Land nicht der richtige oder einzige Weg sein kann. Eine(n) mutige(n) Gesundheitsminister(in), der / die sich nicht ständig den Aussagen, Zahlen und Wünschen der Lobbyisten der Pharma- und Hilfsmittelindustrie unterwirft, das wäre mal was! Anke Wiemer, Storkow Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe