Zukunft der Arbeit "Ich war ein Fremdkörper"

Einen davon sieht DIW-Wissenschaftlerin Holst darin, dass aufgrund ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit in Führungspositionen allein Männer definieren, was als "qualifiziert" oder "geeignet" gilt. "Nehmen wir an, für eine Stelle wird jemand gesucht, der Durchsetzungskraft besitzt", sagt Holst. "Dann wird das automatisch mit bestimmten als männlich geltenden Eigenschaften verbunden wie etwa Aggressivität, Konfliktbereitschaft, Ellenbogen und einem breiten Kreuz." Prompt komme nur noch ein Mann für die Stelle in Betracht. "Dabei gibt es ganz unterschiedliche Wege, zu führen. Hier fehlt oft einfach die Vorstellungskraft." Das sei fatal auch in der Auswirkung auf künftige Generationen, denn junge Frauen bräuchten dringend weibliche Vorbilder, denen sie nachstreben. Junge Männer hätten ihre "role models" bereits im Überfluss.

Einen weiteren Grund, warum Frauen sich so schwer tun, glaubt Heide Meyer gefunden zu haben. Die Vorsitzende des Landesverbands Deutscher Unternehmerinnen in Berlin/Brandenburg ist ebenfalls ins Café Einstein gekommen. Auch sie berichtet von einem Erlebnis. So war sie kürzlich mal wieder auf einer Veranstaltung mit Vertretern der Wirtschaft die einzige Frau. Sie habe sich zu einer Gruppe von vier Männern gesellt, die um einen Stehtisch versammelt waren. Schlagartig sei das Gespräch verstummt. "Ich war ein Fremdkörper", sagt Meyer, die als gestandene Geschäftsfrau durchaus ihren Spaß an solchen Situationen hat. "Als ich dann auch noch wagte, das Wort zu ergreifen, waren die Herren völlig verunsichert." Denn, so erzählt Meyer: "In ihren Augen gilt offenbar immer noch der Grundsatz: Eine Frau tut so etwas nicht. Sich einfach zu einer Männerrunde stellen und das Wort ergreifen. Es war ganz klar: Ich störte."

Viele Männer wollen immer noch ganz gern unter sich bleiben, glaubt auch von Platen. Natürlich sei das keine bewusste Entscheidung, genauso wenig wie Männer Frauen bewusst diskriminierten. "Aber hier läuft eben sehr viel unbewusst ab, und das ist mit ein Grund dafür, warum die Sache nur so schleppend vorankommt." Männer hätten ihre eigenen Codes. "Sie wissen, wie sie auf was reagieren müssen und wie sie miteinander umzugehen haben", sagt von Platen. "Frauen denken anders, kommunizieren anders und reagieren anders." Das könne einen Mann schon mal verunsichern. Doch statt sich das einzugestehen, erkläre er die Frau dann womöglich einfach für anstrengend. "Und schon hat sie keine Chance mehr auf eine Beförderung", sagt von Platen.

Holst, von Platen, Meyer und auch der Unternehmer Jurka, sie alle waren früher entschieden gegen eine Frauenquote - und sie alle haben ihre Meinung geändert. "Natürlich ist das ein gewaltiger Eingriff in die unternehmerische Freiheit", sagt von Platen. "Aber ich glaube, wir kommen nicht drum herum". Jurka sieht das ähnlich. "Wir brauchen die Quote, weil sie Arbeitgeber dazu zwingt, ihre Verhaltensmuster zu überdenken." Natürlich - auch da sind sich die vier einig - darf die Quote nicht dazu führen, dass eine geringqualifizierte Frau einem hochqualifizierten Mann vorgezogen wird. Aber bei gleicher Qualifikation müssten Stellen so lange mit Frauen besetzt werden, bis die Quote erfüllt ist.

Von Platen weiß, dass längst nicht jede Frau das so sieht. Gerade unter den Erfolgreichen gibt es viele Quoten-Gegner. "Sie denken: Ich habe es ohne geschafft, also schaffen es andere auch." Doch das Problem sei, dass diese Frauen sich auf dem Weg nach oben oft "vermännlicht" hätten. "Sie haben sich den Führungsstil, die Ellenbogen und das Diskussionsverhalten von Männern abgeschaut." Damit aber sei nichts gewonnen. Solche Frauen trügen gerade nicht zur Vielfalt bei. "Wir brauchen ja Menschen, die die Dinge anders anpacken, die Althergebrachtes in Frage stellen, Mitarbeiter anders führen." Die aber seien vermutlich leider auf eine Quote angewiesen. "Wenigstens für eine gewisse Zeit, bis so viele es nach oben geschafft haben, dass die Spielregeln nicht mehr einseitig von Männern diktiert werden können."