Vertrauensarbeitszeit in Unternehmen Frei bis zur Selbstausbeutung

Unabhängigkeit von Zeit und Ort: Viele Unternehmen ermöglichen ihren Mitarbeitern, zu selbstbestimmten Zeiten ihre Arbeit zu erledigen - oft sogar im Home Office. Angestellte bedanken sich häufig mit selbstverständlichen Überstunden. Doch dafür gibt es keinen Grund.

Ein krankes Kind betreuen, ohne dafür Urlaub zu nehmen. Einen Arzttermin einschieben, ohne zu spät ins Büro zu kommen. Im Sommer mit dem Laptop unter einem schattigen Baum im Garten die Arbeit erledigen. Das alles sind keine Privilegien Selbständiger oder Angestellter mit reduzierter Stundenzahl. Auch Vollzeit-Mitarbeiter können in vielen Unternehmen über ihren Arbeitsrhythmus bestimmen: Vertrauensarbeitszeit heißt das Modell. "Der Mitarbeiter ist völlig frei, wann er arbeitet und an welchem Ort", sagt Michael Herz, Unternehmensberater aus München und Vorstand im Bundesverband Selbständiger Personalberater.

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Anwesenheit im Büro kann allerdings nötig sein. "Vertrauensarbeitszeit ist nicht mit dauerhaftem Homeoffice gleichzusetzen", sagt Rechtsanwalt Michael Felser aus Brühl. In vielen Firmen werde sie eher wie eine Art Gleitzeit behandelt, "in der Kernzeiten und die Anwesenheit zu bestimmten Anlässen festgelegt sind", sagt der Fachmann für Arbeitsrecht. Ein rechtlicher Anspruch besteht nicht. Auch sei die Begrifflichkeit nicht klar definiert. Daher rät er jedem Arbeitnehmer, genau mit der Firma auszuhandeln, was die Arbeit im Vertrauen genau bedeute. "Zuerst muss die Arbeitszeit festgelegt werden, das verlangt das Gesetz." Allerdings gebe der Arbeitgeber sein Direktionsrecht ab und verlange vom Mitarbeiter, dass der die geleisteten Stunden dokumentiert.

Auch müsse der Rahmen der zu erledigenden Arbeit so genau wie möglich abgesteckt werden, "denn es soll keine Einbahnstraße zu Lasten des Arbeitnehmers sein", sagt Felser. Denn eines ist klar: Wer im Vertrauen arbeitet, zumal im Homeoffice, neigt dazu, mehr Stunden als die Regelarbeitszeit am Schreibtisch zu verbringen. "Der höhere Freiheitsgrad der Mitarbeiter bringt den Firmen im Umkehrschluss oft mehr Arbeitsleistung", sagt Herz. Er habe das Problem, Mitarbeitern am Ende eines Geschäftsjahres ihre nicht genommenen Urlaubstage zu "verordnen", denn durch die flexible Einteilung der Arbeits- und der Freizeit schafften es viele Angestellte, deutlich mehr zu erledigen.

Doch die Vertrauensarbeitszeit hat auch eine Kehrseite, wie Anwalt Felser sagt: "Für junge, hoch motivierte, aufstrebende Singles ist das ein hervorragendes Modell. Sie können jederzeit und überall arbeiten." Doch das Verschwimmen der Grenzen zwischen Beruflichem und Privatem, die dauerhafte Erreichbarkeit per Smartphone und Internet, könne sehr belastend sein. "Nicht umsonst lesen wir dauernd von steigenden Burn-out-Raten", sagt der Anwalt.

Auch den Gewerkschaften passt das Thema Vertrauensarbeitszeit von jeher nicht, denn durch die fehlende Zeiterfassung ist keine Überprüfung der geleisteten Stundenzahl möglich. Im Gegenteil: Das Modell delegiere die Aufgabe des Zeitmanagements an die Mitarbeiter und führe zur Selbstausbeutung. Dennoch sind viele Firmen dem Thema gegenüber aufgeschlossen. Anwalt Felser rät, genau mit dem Chef darüber zu verhandeln: "Das ist wie bei einem Ehevertrag: Wenn man sich lieb hat und beide wollen, dann ist der richtige Zeitpunkt, Nägel mit Köpfen zu machen."