Sprachunterricht an Europas Schulen Deutsch wird immer unbeliebter

In den meisten EU-Staaten nimmt das Interesse der Schüler an der deutschen Sprache ab. Besonders unpopulär ist Deutsch an den Oberschulen Südeuropas. Allerdings sorgen die Erwachsenen dort für einen Gegentrend.

Von Tanjev Schultz

Zur Euro-Krise titelte eine britische Zeitung vor kurzem: "Europa spricht jetzt Deutsch!" Das Zitat bezog sich auf einen unglücklichen Satz Volker Kauders, des Fraktionschefs der Union im Bundestag. Es befeuerte die Sorge vor einer politischen Dominanz der Deutschen. Mindestens in sprachlicher Hinsicht kann man die Nachbarn aber beruhigen: In Europa wird immer seltener Deutsch gesprochen. In den meisten EU-Staaten ist der Anteil der Jugendlichen, die Deutsch lernen, gesunken. Das zeigen Zahlen über den Deutschunterricht, die das Statistische Bundesamt am Dienstag veröffentlichte.

Besonders drastisch ist der Rückgang in den Niederlanden, wo nicht einmal mehr jeder zweite Oberstufenschüler Deutsch belegt. Im Jahr 2005 waren es noch 86 Prozent. Seine Landsleute seien eher "empfänglich" für die angelsächsische Kultur, sagt dazu der Bildungsexperte Johan van Bruggen. Er war Direktor der niederländischen Schulinspektion und hat seit Jahren beste Kontakte nach Deutschland. Van Bruggen erzählt von seinen Enkelkindern, die ihm sagen, dass man in Deutschland doch bestens mit Englisch zurechtkomme. Außerdem werde in den Niederlanden Spanisch immer beliebter.

So ist es auch in anderen Ländern, etwa in Dänemark. Dort wurde vor ein paar Jahren die Oberstufe reformiert. Nun gebe es keinen sprachlichen Zweig mehr, in dem drei Fremdsprachen verpflichtend sind, erklärt Jørgen Balling Rasmussen vom dänischen Bildungsministerium. Bei älteren Schülern ist der Anteil der Deutsch-Lerner von 50 Prozent im Jahr 2005 auf nur noch 35 Prozent abgerutscht. Allerdings würden viele dänische Kinder zumindest in den unteren Klassenstufen Deutsch lernen, betont Rasmussen.

In Osteuropa ist die deutsche Sprache trotz sinkender Anteile weiterhin stark verbreitet. In Frankreich und Großbritannien haben es Deutschlehrer dagegen schwer. In Frankreich besuchen 22 Prozent der älteren Schüler Deutschkurse (den Statistikern fehlt eine Vergleichszahl aus dem Jahr 2005). In Großbritannien waren es 2009 lediglich elf Prozent (und 15 Prozent im Jahr 2005). In Luxemburg hingegen ist Deutsch eine Selbstverständlichkeit, auch jenseits des sprachgewandten Regierungschefs Jean-Claude Juncker.

Besonders unpopulär ist Deutsch an den Oberschulen Südeuropas. In Italien, Griechenland, Portugal und Spanien liegen die Anteile unter zehn Prozent. Doch die Goethe-Institute, an denen Erwachsene im Ausland Deutsch lernen können, verzeichnen dort einen Gegentrend. Sie spüren ein wachsendes Interesse an der deutschen Sprache. In Madrid und Barcelona stieg die Zahl der Kursteilnehmer um 60 Prozent. "Viele junge Menschen in Südeuropa sehen angesichts der hohen Jugendarbeitslosigkeit in ihren Heimatländern in Deutschland berufliche Perspektiven", sagt der Präsident des Goethe-Instituts, Klaus-Dieter Lehmann.

In Russland sei die Kampagne "Lerne Deutsch!" erfolgreich; außerhalb Europas trügen zudem Partnerschulabkommen Früchte. Mit einem indischen Schulverband wurde ein Programm vereinbart, das eine Million Schüler erreichen soll. Lehmann spricht - seltsamerweise das englische Idiom bemühend - von einem "neuen Boom für Deutsch".

Der Verein Deutsche Sprache forderte am Donnerstag, Deutsch auch als Wissenschaftssprache zu pflegen. Die Konzentration auf Englisch schränke die Leistungen deutscher Forscher ein. Die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) warnt vor "Wettbewerbsverzerrungen", sollten sich alle Professoren gezwungen sehen, ihre Studien nur noch in englischer Sprache zu verfassen.