In Sonderschulen sitzen körperlich und geistig Behinderte, Vernachlässigte und Arme. Die UN will mit einer Konvention gegen diese Aus- grenzung kämpfen.
Nach der vierten Klasse endete für Jannes die Integration. Die Behörden schickten den Jungen mit Down-Syndrom auf die Sonderschule. Jeden Morgen fährt der Zwölfjährige nun eine halbe Stunde im Bus nach Euskirchen in Nordrhein-Westfalen, seine Freunde muss er zurücklassen in seiner Heimatstadt Brühl. Keine der weiterführenden Schulen bietet dort integrativen Unterricht, deshalb blieb seiner Mutter keine andere Wahl.
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Schüler einer integrativen Kooperationsklasse: Im EU-Durchschnitt lernen mehr als 70 Prozent der Kinder mit Behinderung an einer ganz normalen Schule - in Deutschland sind es gerade mal 15 Prozent. (© Foto: dpa)
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Valerie Schulz wollte nie, dass ihr Sohn isoliert, in einem Schonraum für behinderte Kinder unterrichtet wird. "Er muss doch lernen, sich trotz seiner Behinderung im wahren Leben durchzusetzen", sagt sie. In Sonderschulen würden die Kinder in Watte gepackt. Neulich hätten die neuen Lehrer ihres Sohnes gesagt, sie wollten ihm jetzt beibringen, sich selbständig anzuziehen. Die Mutter war überrascht: Jannes zieht sich zu Hause seit Jahren alleine an. Dass der Junge die vorauseilende Hilfe seiner Betreuerin trotzdem recht bequem fand, hat der Schule eingeleuchtet.
So wie Jannes ergeht es vielen behinderten Kindern in Deutschland. In der Grundschule dürfen sie immer öfter gemeinsam mit Gesunden lernen, aber nach dem hoffnungsvollen Start landen sie am Ende doch auf der Förderschule, wie die Sonderschule neuerdings genannt wird.
Arme, Vernachlässigte, Aggressive, Migranten
Bundesweit besucht fast jeder zwanzigste Schüler eine Sonderschule. Hier sitzen die körperlich und geistig Behinderten, aber auch die Armen, die Vernachlässigten, die Aggressiven und die Migranten. In manchen Bundesländern gibt es zehn verschiedene Arten von Förderschulen. Während manche Förderschüler froh sind, in kleinen Klassen mit Fachkräften und spezieller Technik lernen zu können, fühlen sich andere von der Gesellschaft ausgeschlossen.
Nahezu 80 Prozent der Sonderschüler schaffen den Hauptschulabschluss nicht. Und das liegt nicht an unfähigen Lehrern, wie Studien zeigen. Oft fehlen den Schülern einfach die Anregungen für bessere Leistungen, weil in den Klassen der Sonderschulen Vorbilder fehlen.
Eine Schulform übrigens, die es in vielen anderen Ländern gar nicht gibt. Im EU-Durchschnitt lernen mehr als 70 Prozent der Kinder mit Behinderung an einer ganz normalen Schule. In Deutschland sind es dagegen gerade mal 15 Prozent. Der große Rest wird an eine Sonderschule verwiesen - auch gegen den Willen der Eltern. Doch das könnte für die Behörden jetzt schwieriger werden.
Missstände öffentlich anprangern
Zum Jahreswechsel hat der Bundestag eine Konvention der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen ratifiziert. Dieses Übereinkommen verlangt in Artikel 24 ein "inklusives Bildungssystem" (inclusive education system). Behindertenorganisationen und viele Experten legen dies so aus, dass Eltern sich auf die UN-Konvention berufen können, um gegen die Zuweisung ihres Kindes auf eine Sonderschule zu klagen. Außerdem wird es in Genf erstmalig einen Rechtsausschuss geben, der die Umsetzung der Konvention überwacht. Jeder kann dieses Gremium anrufen. Es kann zwar kein Urteil sprechen, aber Missstände öffentlich anprangern.
Betroffene, Fachpolitiker und Behindertenverbände hoffen nun auf eine Wende in der Schulpolitik. Sie wünschen sich, dass jene behinderte Kinder, die einen Platz in einer Regelschule haben wollen, auch Anspruch darauf haben. Erste zaghafte Zeichen für ein Umdenken in der Politik gibt es bereits. Die Konferenz der zuständigen Kultusminister der Länder hat eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die die neue Rechtslage umsetzen soll. Erstmals dürfen dabei auch die Behindertenorganisationen mitreden. Diese neue Offenheit beschreibt Sibylle Hausmanns als "geradezu revolutionär". Sie ist Projektleiterin im Verein "Gemeinsam leben - gemeinsam lernen", in dem sich Eltern organisiert haben.
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Venizelos kritisiert IWF-Chefin
"Wer ohne Zeitdruck lernen darf und selbst entscheidet, wie und was er lernt, hat am Ende mehr vom Stoff behalten."
Das klingt sehr nach Walldorfschule - Lehrer: "Wieviel ist 5 mal 5?" Schüler: "190, aber ich will es malen oder tanzen!"
Abschlüsse haben den Zweck, dass man nachher sagen kann, dieser Schüler hat einen gewissen Grundstock an wissen. Bestimmte Dinge sind Basiswissen, das jeder haben muss. Bei anderen Dingen kann man durchaus etwas differenzieren und auf Begabungen eingehen, das darf aber nicht zu einer Beliebigkeit führen.
Von jemandem, der Abitur hat und damit die Berechtigung, an der Universität zu studieren, muss man erwarten können, dass er sich auf Englisch verständigen kann, Texte in dieser Sprache versteht und er mit den Grundzügen wissenschaftlichen Arbeitens ausreichend vertraut ist.
Jemand, der von der Realschule abgeht und damit z.B. eine kaufmännische Ausbildung beginnen kann, muss grundlegende mathematische Prinzipien kennen, eine sichere Rechtschreibung besitzen und einen Grundfundus an Allgemeinbildung mitbringen.
Und so weiter... das wird nicht damit erreicht, dass man bunt dekorierte Klassenzimmer schafft, in denen jedes Kind rumspringen kann und machen, was es will und wie es will - und nur, wenn es will!
Beide hier beschriebenen Wege sind schlecht. Weder die Integration in eine Sprengelschule, noch die Ausgrenzung durch die Verbringung in einer Förderschule werden den Kindern gerecht. Vielmehr müssen die Schulen stärker auf die individuellen Unterschiede ALLER Schüler reagieren und damit Platz für Integration schaffen. Wenn natürlich verlangt wird, dass jeder Schüler zum Zeitpunkt X den und den Stoff parat haben muss, gibt es nur Verlierer. Und zwar bei den oberen und den unteren Leistungspotentialen. Abhilfe können u. A. eine längere Schulzeit und projektübergreifendes Lernen schaffen. Wer ohne Zeitdruck lernen darf und selbst entscheidet, wie und was er lernt, hat am Ende mehr vom Stoff behalten. In einem solchen Schulbetrieb ist auch die Integration von Behinderten kein Problem, sondern eine echte Bereicherung für alle Beteiligten.
Wie wenig soziale Kompetenz man in unserem Schulsystem vermittelt bekommt, kann man übrigens gut aus den hier veröffentlichten Beiträgen ablesen. Da fehlt jegliches Feingefühl für den sprachlichen Umgang mit unterschiedlichen Berufssparten, auch wenn - fast rührend - immer wieder die eigene Toleranz beschworen wird. Unter dem Strich bleibt der schale Beigeschmack zurück, die Autoren halten sich doch für etwas Besseres. Na ja, wer's glaubt.
Wirklich traurig stimmt mich der Beitrag von Grimnebulin, der/die zwar ganz richtig schreibt, dass eine Überforderung durch Umfeld und Eltern Missbrauch gegenüber den Kindern ist, aber nicht auf die Idee kommt, dass es außerhalb ausgetretener Wege durchaus Alternativen gibt. Nur sind die offensichtlich in den Räumen der sozialpsychiatrischen Kinder- und Jugendversorgung noch nicht bekannt geworden. Schade.
Vielleicht muss ich mich auch ein bisschen klarer ausdrücken. Fehlende Intelligenz oder Begabung heißt ja nicht automatisch, dass der Mensch deswegen weniger wert ist - so etwas wie Wertigkeit bei Menschen gibt es wohl gar nicht!
Auch bei der Frage, wie glücklich Menschen sind, nehmen Akademikerberufe nicht unbedingt die vorderen Plätze ein.
Ein Friseur, der z.B. das liebt, was er tut und akzeptiert hat, dass er nie besonders gut verdienen wird - und trotzdem zufrieden ist mit seinem Leben, hat viel mehr Potential, glücklich zu sein, als ein BWL-Absolvent bei McKinsey & Co, der auf seinem Konto immer größere Zahlen produzieren will oder jemand anders, der sein Leben immer der nächsten Beförderung hinterher hechelt.
Obwohl Arbeitszeit auch Lebenszeit ist, findet das eigentliche Leben nicht in der Firma statt! Und wer seine 8 Stunden für das ihm Nötige dort verbringt und danach entspannt zuhause mit seinen Freunden sitzen kann, braucht weder einen akademischen Abschluss noch ein fünfstelliges Monatsgehalt dazu!
Es braucht nicht jeder Abitur und ein Realschulabschluss mit guten Noten öffnet auch heute noch die Türe für einen anständigen Job. Problem unserer Hauptschulen ist der systematische Umbau zum Auffangbecken gescheiterter Integrationsopfer! Für letztere fehlen vernünftige Konzepte im System noch völlig. Das ist es auch was Länder wie Finnland uns voraus haben. Nicht das eingleisige Schulsystem, sondern eine gesunde Integrationspolitik in der Bildung.
ich muss Obamism da recht geben. Auch wenns arrogant klingt, wenn jemand nicht das biologische und soziale Rüstzeug für Realschule oder Gymnasium hat, wird er niemals den Anforderungen, die dort an ihn gestellt werden gerecht werden. Es muss nicht jeder diesem Leistungs2faschismus", der in Deutschland in den Köpfen mancher abgehobener Menschen existiert, folgen. Wir sind nicht alle Akademiker und ich würd aus diesem Land verschwinden, wenns so wär. Mein Auto bliebe unrepariert, mein Müll ungeleert und mein Garten ungepflegt, wenn sich jeder nur mit Hochgeistigem beschäftigen würde. Menschen sind verwschieden, was nicht heißt, das einer schlechter als der andere ist. Ich habe genug Freunde, die nicht studiert haben und ganz simple Malocherjobs machen (und dabei zum Teil besser verdienen als ich ;) ). Ich suche mir die Freunde nicht nach Bildung aus, sondern, ob sie zu mir passen. Das ist gelebte Toleranz, die ich auch mal gerne in den Köpfen bestimmter Leute sehen würde. Diese unsägliche Gleichmacherei und der Leistungsdruck macht mich mittlerweile krank und die Betroffenen erst recht. Es wäre viel besser und vor allem gesünder, wenn man auf dem Boden der Tatsache bliebe und die Leute das machen ließe, wofür sie geeignet sind und sie dabei zufrieden werden.
Das mehrgleisige Schulsystem wird ja gerne mal angeprangert, weil sich hartnäckig der Mythos hält, schwächere Schüler würden von stärkeren mit "hochgezogen". Das Gegenteil ist der Fall. Für meinen Teil war ich froh, als ich in der fünften Klasse derjenigen entledigt wurden, die keinen Satz gerade formulieren konnten, dafür aber in der Horde stets für die Gewaltübergriffe sorgten, die am Gymnasium hinterher nicht mehr stattfanden.
Die Zeit, die verloren geht, wenn bei einer Satzanalyse oder der Entwicklung einer Formel immer wieder die gleichen Leute nicht mitkommen und Lehrer überproportional Zeit dafür aufwenden; die Zeit, die sich diese Schüler langweilen, weil sie nichts verstehen und deshalb anfangen zu stören; die Zeit geht dann für diejenigen verloren, die für ihre Zukunft (Studium, Ausbildung) diese Kenntnisse brauchen.
Lesen und Schreiben ist Grundausstattung. Kurvendiskussion und Integralrechnung muss (und will meist) ein zukünftiger Automechaniker nicht unbedingt können.
Der zukünftige Arbeitgeber sieht aber dann nur "Mathematik 5" und denkt, er bekäme nicht einmal einen Dreisatz hin!
Geistig behinderte Schüler haben besondere Anforderung, die eine reguläre Schule gleich welcher Art und die dortige Lehrer gar nicht erfüllen können. Da ich die Arbeit an solchen Schulen im Zivildienst kennen gelernt habe, kann ich mir gut ausrechnen, dass behinderte Schüler wahrscheinlich um 8 Uhr in ein Bällchenbecken gelegt und um 14 Uhr wieder rausgeholt würden. Eine Klasse mit 10 Schülern ist in einer Behindertenschule nämlich schon extrem groß.
Menschen haben nun einmal unterschiedliche Begabungen und Vorlieben und dem muss gerade ein Schulsystem gerecht werden!
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