Das "Savoir-vivre", das die Organisation französischer Unternehmen auf den ersten Blick widerspiegelt, ist ein kulturelles Missverständnis. Denn wer im schicken Restaurant vergisst, dass ein wichtiges Firmenprojekt zur Debatte steht, ist raus aus dem Spiel.

Anzeige

Das aber war im modernen Frankreich schon immer so, und nie war der Stress so groß, dass französische Arbeitnehmer einen Ausweg im Freitod gesucht hätten. Im Gegenteil: Vor seiner Privatisierung war ein Unternehmen wie France Télécom ein beliebter Arbeitgeber. Barmeyer sieht das Problem im britischen beziehungsweise amerikanischen Management, das auch in Frankreich Einzug gehalten hat und dort das gewachsene französische Pyramidensystem zerstört.

Nie war der Stress so groß

Re-Engeneering, Down-Sizing und Outsourcing heißen die neuen Strategien im Rahmen der Globalisierung, die auch in Deutschland "die Menschen kaputtmachen", wie Barmeyer sagt. Keiner weiß mehr, wo er hingehört, weniger müssen mehr arbeiten, und Arbeitsbereiche, die aus einem Unternehmen ein soziales System machten, in dem Menschen auch Identität und ein Zuhause fanden, werden ausgelagert. Die deutsche Maschine kann sich halbwegs anpassen, die französische Pyramide zerbricht. Während bei den Deutschen "nur" die körperliche Gesundheit leidet und immer mehr Arbeitnehmer wegen Burn-Out oder Hörsturz behandelt werden müssen, reibt die neue Arbeitswelt die Franzosen tiefer auf.

Noch heute ist Frankreich eine Form der Ständegesellschaft, in der man seinen gesellschaftlichen Platz über ein hartes Ausleseverfahren ergattert, das schon in der Schulzeit beginnt. Ehrgefühl und als "edel" angesehene Berufe sind Begriffe, die das französische Selbstverständnis prägen. Jedes Individuum besitzt einen Rang mit bestimmten Privilegien und Pflichten und nimmt Aufgaben wahr, die ihm dieser Rang zuschreibt.

Rang und Ehrgefühl

Schon die Bezeichnung "Cadres" für das Führungspersonal zeigt, wie wichtig dieser Rang und dieses Ehrgefühl sind. "Cadre" heißt Rahmen. Die in der Regel exzellent ausgebildeten französischen Manager geben also den Rahmen vor, in dem gearbeitet und Entscheidungen getroffen werden. Wenn sie diesen Rahmen nicht mehr bieten können, empfinden sie das als persönliche Niederlage, der sie machtlos gegenüberstehen.

"In Situationen, in denen Franzosen ihre Ehre verlieren, reagieren sie irrational", sagt Professor Barmeyer. In dem neuen anglo-amerikanischen Business-System ist eine ehrenvolle Haltung aber nicht mehr möglich. Da wird ungeachtet der persönlichen Verdienste, des harten Ausbildungsmarathons und der beruflichen Leistungen entschieden. Nur noch der Profit zählt, der Mensch ist nebensächlich.

Selbstmord als symbolischer Akt

Nicht ohne Grund stammen die Selbstmörder aus den Reihen des unteren und mittleren Managements. Sie sind schlecht organisiert und haben anders als die Arbeiter keine Fürsprecher. Betriebliche Mitbestimmung gibt es in französischen Unternehmen nicht. "Ihr Selbstmord ist ein symbolischer Akt", sagt Barmeyer. Tatsächlich radikalisiert sich der Arbeitskampf in Frankreich schon seit längerem. Arbeiter drohen damit, Fabriken in die Luft zu sprengen, Führungspersönlichkeiten setzen mit ihrem Freitod ein öffentlichkeitswirksames Fanal.

Wer möchte schon nach einer harten Ausbildung outgesourct, reengineert und downgesizt werden, selbst wenn diese Strategien an Hochschulen und Unternehmen gepredigt werden? Barmeyer findet deswegen die Reaktion der französischen Regierung richtig. Eine wirkliche Lösung kann allerdings nur das Topmanagement finden, glaubt er. "Wie wäre es wieder mit weniger Profit, mehr Nachhaltigkeit und mehr Sozialsystem?", fragt er. Dafür kämpfen die Franzosen - bis zum Einsatz ihres Lebens radikal und kompromisslos.

Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2

  1. Lieber tot als gemobbt
  2. Sie lesen jetzt Eine Menschen-Pyramide
Leser empfehlen 

(SZ vom 13.02.2010/holz)