Debora Weber-Wulff hat sich dem Aufspüren von Plagiaten verschrieben. Ein Gespräch über die Copy-und-Paste-Mentalität, faule Professoren und dreiste Kopien.
Debora Weber-Wulff lehrt an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin Internationale Medieninformatik. Sie ist Expertin für die Erkennung von Plagiaten, berät Dozenten und Studenten in Plagiatsfragen und testet regelmäßig Software, mit deren Hilfe Professoren Kopien aufspüren können. Ihre jüngsten Ergebnisse - ein Test von 24 Systemen - hat sie Anfang November veröffentlicht, die neuesten Ergebnisse findet man unter: http://plagiat.fhtw-berlin.de/
Recherche bei Wikipedia: Wer für seine Hausarbeit Material über das politische System der Bundesrepublik sucht, wird dort fündig. (© Screenshot: Wikipedia)
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sueddeutsche.de: Frau Weber-Wulff, was war das dümmste Plagiat, dass Sie jemals aufgedeckt haben?
Debora Weber-Wulff: Mir sind schon einige dämliche Plagiate untergekommen. Manche Studenten sind zum Beispiel zu faul, aus einem aus dem Internet kopierten Text die Werbebanner und Links herauszulöschen. Sie machen es uns natürlich besonders leicht, die Originalquelle zu finden. Mein schönster Fall war aber der eines Hochschülers, der einen Wikipedia-Artikel wörtlich abgeschrieben hatte - ohne zu wissen, dass der Eintrag von seinem eigenen Dozenten stammte.
sueddeutsche.de: Einen ganzen Lexikon-Eintrag zu kopieren ist natürlich dreist. Aber wenn ich mich nur mit ein paar Sätzen bediene - ist das auch schon ein Plagiat?
Weber-Wulff: Wenn Sie diese Sätze als Ihre eigenen ausgeben, ja. Viele denken, das Kopieren sei nicht so tragisch, wenn es sich nur um ein paar Worte handelt. Aber das ist falsch. Der ursprüngliche Autor hat ein Recht darauf, genannt zu werden. Außerdem ist es in der Wissenschaft überhaupt nicht schlimm, von anderen etwas zu übernehmen. Forschung baut immer auf dem auf, was vorher geleistet wurde. Viel zu zitieren ist also völlig in Ordnung.
sueddeutsche.de: Wie oft plagiieren Studenten und Schüler?
Weber-Wulff: Darüber gibt es leider keine seriösen Statistiken, denn wir kennen natürlich nur die Fälle, die entdeckt wurden. Die Dunkelziffer ist vermutlich recht hoch.
sueddeutsche.de: Immer wieder fliegen auch Dozenten auf, die abgekupfert haben.
Weber-Wulff: Leider ja. Auch Doktoranden und Professoren plagiieren. Letztere sind oft der Meinung, dass alles, was an ihrem Lehrstuhl veröffentlicht wird, ihnen gehört - mit der absurden Begründung, sie würden die Forschung schließlich finanzieren. Deshalb zeige ich in meinen Weiterbildungskursen nicht nur, wie man Plagiate findet, sondern auch, welche Pflichten die Professoren im Umgang mit fremden Texten selbst haben. Journalisten sind im Übrigen auch eine Berufsgruppe, die sich gern bei anderen bedient. Dank des Internets geht das ja recht schnell.
sueddeutsche.de: Wird häufiger plagiiert, seitdem es Google, Wikipedia oder Seiten zu Schul- und Seminararbeiten gibt? Die Seite www.hausaufgabe.de etwa lockt mit dem Slogan: "Deine fertige Hausaufgabe gibt's doch schon!"
Weber-Wulff: Ich vermute ja. Aber nicht nur das Herstellen von Plagiaten ist einfacher geworden. Das Finden auch. Wenn ein Dozent oder Lehrer vier, fünf ausgefallene Wendungen eines Textes in eine Suchmaschine eingibt, sieht er ganz schnell, ob es einen anderen Text gibt, in dem die gleichen Worte vorkommen. Da liegt ein Plagiat natürlich nahe, den Text schaut er sich dann ganz genau an. Im Prinzip ist es mit Hilfe des Internet ganz simpel, Fälscher zu entdecken.
sueddeutsche.de: Sind Schüler und Studenten ihren Lehrern und Dozenten nicht immer einen Schritt voraus? Schließlich können sie oft viel besser mit dem Internet umgehen.
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Ich habe die Erfahrung gemacht, dass gerade Lehrer/-innen mit sehr schlechtem Beispiel vorangehen.
Sie kopieren häufig für ihre Schüler/-innen wahllos aus Büchern, Zeitschriften, Info-materalien aus dem Netz und achten hochnotpeinlich darauf, dass just die Quelle nicht erscheint.
Und wundern sich dann, wenn ihre Shüler/-innen ebenso verfahren.
M.E. sind hier erst einmal die Unterrichtenden aufzuklären, dass nämlich das Internet kein rechtsfreier Raum ist, den ich ganz nach Gusto brauchen oder missbrauchen kann.
Juliane Zuelch
Wir sind uns sicherlich einig, dass sowohl Abschreiben als auch wissenschaftliche und Erwerbsarbeit auf Basis von unrechtmäßig verwendeten Dokumenten oder Erzeugnissen disqualifizierend sind.
Meine Argumentation versucht jedoch, mittels einer historischen Perspektive die Notwendigkeit zur Einübung des von uns vorausgesetzten Verhaltens aufzuzeigen. Wenn Hänschen weder im Elternhaus noch in der Schule lernt, dass Diebstahl unerwünscht ist, wird Hans (und ebenso Grete!) weder an der Uni noch im Berufsleben einsehen, dass nur die eigene Arbeit qualifizierend ist.
Unrechtsbewusstsein entsteht nicht immer aus sich selbst. Hierzu gehören auch gute Vorbilder.
@Polarlicht:
Hier geht es doch nicht in erster Linie um den Urheberschutz, auch wenn das im Artikel kurz anklang. Hier geht es darum, dass sich Leute mit fremden Federn schmücken und dadurch Beurteilungen ergaunern, die ihnen nicht zustehen. Das Abschreiben in der Schule vom Nachbarn ist ja auch nicht erlaubt und wird bei Erwischen mit ner 6 bestraft.
Dass man zitiert, dass man auf Arbeiten anderer und deren Ergebnisse verweist ist richtig und notwendig, aber eine Arbeit abzuliefern, ohne ausser der Suchfunktion und Copy-Paste zu beherrschen eigene Fähigkeiten einzubringen ist typisch für die heutige Mentalität. Hauptsache, man hat den Titel, ob man wirklich was kann, ist wurscht! Komischerweise können sich solche Blender aber oft auch im Berufsleben irgendwie durchwursteln. Gerade in größeren Unternehmen, wo es leicht ist, sich mit fremden Federn zu schmücken und man durch weitgehende Anonymität auch nicht negativ auffällt, wenn man mal Bockmist baut...
Unsere großen deutschen Dichter und Komponisten haben fleißig Plagiate produziert. Das galt seinerzeit als hervorragende kulturelle Leistung.
Der Schüler, der beginnt, selbständiges Arbeiten zu lernen, muss zunächst die Gelegenheit zum Plagiat haben. Wieweit und auf welche Art die Werke Anderer verwendet werden dürfen, muss erst erlernt werden, da dies eine Frage der gesellschaftlichen Gewohnheit - der Moral - ist.
Unsere heutige Kultur eines juristisch durchgearbeiteten Urheberrechts hat ihre Probleme: Melde ich meine eigene Erfindung zum Patent an, ohne von einer vielleicht untauglichen und unbekannten Erfindung zu wissen, die irgendwo in einem Aktenschrank des Patentamtes ruht, bekomme ich kein Patent auf meine eigene Erfindung, da das Aktenkuriosum als Stand der Technik gilt.
Da unsere Gesellschaftsordnung eigentumsfixiert ist, muss diese Gesellschaft ihren Nachkömmlingen das gesetzestreue (wissenschaftliche) Arbeiten mit Werken Anderer zunächst begreiflich machen und die möglichen Sanktionen bei Nichtbefolgen der Regeln vor Augen führen. Erst dann dürfen diese Sanktionen angewandt werden.
Sind unsere Schulen für das Lehren von Selbstverantwortung ein- und ausgerichtet?
"(...) Manche Studenten sind zum Beispiel zu faul, aus einem aus dem Internet kopierten Text die Werbebanner und Links herauszulöschen. (...)"
Wie dumm kann man eigentlich sein? Da gibts wirklich bloß die von BOD geforderte Sanktion: Rausschmiß, bevor sowas dann mit dem erschwindelten akademischen Abschluß letztlich die "Elite" des Landes bildet...
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