Süddeutsche Zeitung

Plagiate-Jägerin:"Ich habe schon Studenten zum Weinen gebracht"

Lesezeit: 4 min

Debora Weber-Wulff hat sich dem Aufspüren von Plagiaten verschrieben. Ein Gespräch über die Copy-und-Paste-Mentalität, faule Professoren und dreiste Kopien.

J. Bönisch

Debora Weber-Wulff lehrt an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin Internationale Medieninformatik. Sie ist Expertin für die Erkennung von Plagiaten, berät Dozenten und Studenten in Plagiatsfragen und testet regelmäßig Software, mit deren Hilfe Professoren Kopien aufspüren können. Ihre jüngsten Ergebnisse - ein Test von 24 Systemen - hat sie Anfang November veröffentlicht, die neuesten Ergebnisse findet man unter: http://plagiat.fhtw-berlin.de/

sueddeutsche.de: Frau Weber-Wulff, was war das dümmste Plagiat, dass Sie jemals aufgedeckt haben?

Debora Weber-Wulff: Mir sind schon einige dämliche Plagiate untergekommen. Manche Studenten sind zum Beispiel zu faul, aus einem aus dem Internet kopierten Text die Werbebanner und Links herauszulöschen. Sie machen es uns natürlich besonders leicht, die Originalquelle zu finden. Mein schönster Fall war aber der eines Hochschülers, der einen Wikipedia-Artikel wörtlich abgeschrieben hatte - ohne zu wissen, dass der Eintrag von seinem eigenen Dozenten stammte.

sueddeutsche.de: Einen ganzen Lexikon-Eintrag zu kopieren ist natürlich dreist. Aber wenn ich mich nur mit ein paar Sätzen bediene - ist das auch schon ein Plagiat?

Weber-Wulff: Wenn Sie diese Sätze als Ihre eigenen ausgeben, ja. Viele denken, das Kopieren sei nicht so tragisch, wenn es sich nur um ein paar Worte handelt. Aber das ist falsch. Der ursprüngliche Autor hat ein Recht darauf, genannt zu werden. Außerdem ist es in der Wissenschaft überhaupt nicht schlimm, von anderen etwas zu übernehmen. Forschung baut immer auf dem auf, was vorher geleistet wurde. Viel zu zitieren ist also völlig in Ordnung.

sueddeutsche.de: Wie oft plagiieren Studenten und Schüler?

Weber-Wulff: Darüber gibt es leider keine seriösen Statistiken, denn wir kennen natürlich nur die Fälle, die entdeckt wurden. Die Dunkelziffer ist vermutlich recht hoch.

sueddeutsche.de: Immer wieder fliegen auch Dozenten auf, die abgekupfert haben.

Weber-Wulff: Leider ja. Auch Doktoranden und Professoren plagiieren. Letztere sind oft der Meinung, dass alles, was an ihrem Lehrstuhl veröffentlicht wird, ihnen gehört - mit der absurden Begründung, sie würden die Forschung schließlich finanzieren. Deshalb zeige ich in meinen Weiterbildungskursen nicht nur, wie man Plagiate findet, sondern auch, welche Pflichten die Professoren im Umgang mit fremden Texten selbst haben. Journalisten sind im Übrigen auch eine Berufsgruppe, die sich gern bei anderen bedient. Dank des Internets geht das ja recht schnell.

sueddeutsche.de: Wird häufiger plagiiert, seitdem es Google, Wikipedia oder Seiten zu Schul- und Seminararbeiten gibt? Die Seite www.hausaufgabe.de etwa lockt mit dem Slogan: "Deine fertige Hausaufgabe gibt's doch schon!"

Weber-Wulff: Ich vermute ja. Aber nicht nur das Herstellen von Plagiaten ist einfacher geworden. Das Finden auch. Wenn ein Dozent oder Lehrer vier, fünf ausgefallene Wendungen eines Textes in eine Suchmaschine eingibt, sieht er ganz schnell, ob es einen anderen Text gibt, in dem die gleichen Worte vorkommen. Da liegt ein Plagiat natürlich nahe, den Text schaut er sich dann ganz genau an. Im Prinzip ist es mit Hilfe des Internet ganz simpel, Fälscher zu entdecken.

sueddeutsche.de: Sind Schüler und Studenten ihren Lehrern und Dozenten nicht immer einen Schritt voraus? Schließlich können sie oft viel besser mit dem Internet umgehen.

"Ich habe schon Studenten zum Weinen gebracht"

Weber-Wulff: Professoren und Lehrer rüsten auf und lernen dazu. Häufig ist aber nicht mangelnde Medienkompetenz das Problem, sondern Zeit und der Betreuungsschlüssel. Bei 200 Studenten in einem Proseminar muss ein Dozent erst einmal alles lesen. Will er dann noch Plagiatskontrollen durchführen, dauert das unglaublich lange.

sueddeutsche.de: Mittlerweile können Unis auch Software zur Plagiats-Erkennung einsetzen. Funktioniert sie besser als die Fälschersuche via Suchmaschine?

Weber-Wulff: Das kommt ganz auf die Software an. Wir haben 24 Systeme getestet, von denen leider keines mit sehr gut abgeschnitten hat. Sieben haben wir mit gut bewertet, zwei mit einer fünf, und bei acht Systemen musste der Test abgebrochen werden, weil sie nicht funktionierten. Ein großes Manko bei allen Produkten ist, dass sie keine Übersetzungsplagiate finden. Übersetzt ein Student etwa aus einem englischen Text und gibt die Quelle nicht an, rutscht das der Software bislang noch durch.

Manche Systeme sind für Unis umsonst, andere dagegen kosten mehrere tausend Euro im Jahr. Da sollte man sich schon genau überlegen, ob man die Plagiate nicht schneller und unkomplizierter über die Suchmaschine findet.

sueddeutsche.de: Mit welchen Konsequenzen müssen Schüler, Studenten und Professoren rechnen, die erwischt werden?

Weber-Wulff: Das liegt in der Hand ihrer Lehrer, Professoren und der Universitäten. Schüler und Studenten fallen in der Regel durch und müssen die betreffende Arbeit noch einmal schreiben. Mit plagiierenden Professoren wird leider ganz unterschiedlich umgegangen. Die Uni Bonn hat einem Dozenten sowohl die Prüfungsberechtigung in allen Fällen als auch die Verfügung über Finanzmittel entzogen. Andernorts bleibt es aber oft bei mahnenden Worten.

sueddeutsche.de: In Baden-Württemberg gibt es Pläne, plagiierende Studenten zu exmatrikulieren. Was halten Sie davon?

Weber-Wulff: Ich finde die Idee gut. Allerdings ist das Verfahren noch nicht ausgereift. Ich plädiere für Ordnungsausschüsse an jeder Universität. Dieses Gremium, in dem auch Studenten vertreten sein sollten, sollte nach festgelegten Kriterien jeden Plagiatsvorwurf überprüfen.

sueddeutsche.de: Wie reagieren Studenten, wenn sie erwischt werden?

Weber-Wulff: Ein Unrechtsbewusstsein haben nur ganz wenige. Ich habe aber schon Studenten zum Weinen gebracht, wenn ich sie mit dem Plagiat konfrontiert habe. Andere behaupten, sie hätten gar nicht gewusst, dass abschreiben nicht erlaubt ist. Sie nehmen das Studium nicht ernst. Ihnen geht es nicht ums Lernen. Sie wollen nur einen akademischen Titel, damit sie später möglichst viel Geld verdienen.

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