Zu viel Stoff, zu wenig Freizeit, Ende der Kindheit, so lauteten die Sorgen bei Einführung des G 8. Nun hat der bayerische Kultusminister die Lehrpläne zusammengestrichen - mit grotesken Folgen für den Geschichtsunterricht.
In Bayern gibt es bald Zeugnisse, in anderen Bundesländern sind schon Schulferien. Zeit, die Schule für ein paar Wochen zu vergessen, aber auch Zeit, den Blick auf die Zukunft des Gymnasiums zu richten. Wir erinnern uns: Im Frühjahr gab es Proteststürme gegen das auf acht Jahre verkürzte Gymnasium, das "G8". Zu viel Stoff, zu wenig Freizeit, überlastete Schüler, Tod der Kindheit, so lauteten die Sorgen.
Schüler am Holocaust-Mahnmal in Berlin: Der G 8-Streichliste ist der Stoff über Nationalsozialismus zum Opfer gefallen. (© Foto: ap)
Anzeige
Anstatt den Ausbau von Ganztagsschulen anzumahnen, in denen sich Arbeit und Pausen, Ernst und Spiel viel besser rhythmisieren lassen - denn dieser Ausbau droht nach der bitter notwendigen Initiative der rot-grünen Bundesregierung wieder zu erlahmen -, wollten die wortführenden Gymnasialeltern ihre Kleinen lieber wieder mittags zu Hause haben. Sie forderten den möglichst anstrengungslosen Weg in die gesellschaftliche Elite.
Mit dem "Rotstift" an die Lehrpläne
Verunsichert durch die Erfahrung, dass die Mobilisierungskraft dieses Themas im hessischen Landtagswahlkampf unterschätzt worden war, sprachen sich konservative wie linke Kultusminister im März für eine Reduzierung des Lernpensums aus. Hatten sie doch in der Tat das G8 zum Teil überhastet eingeführt und so vielfach für Übergangsschwierigkeiten in der Verteilung der Lerninhalte und Hausaufgaben gesorgt.
"Entrümpelung" war, unter dem Druck der Elternverbände, das Wort der Stunde. Also versprach im April auch der wahlkampfnervöse bayerische Schulminister Siegfried Schneider, ein für ein bildungsstolzes Bundesland übrigens erschütternd geistloser Mann, mit dem "Rotstift" an die Lehrpläne zu gehen.
Noch keine öffentliche Diskussion
In den Ministerien machte man sich an die Arbeit und strich an Inhalten, was fakultativ erschien. Einige der Streichergebnisse liegen heute vor, und die Aufmerksamkeit der Lehrer, Schüler und Elternvertreter richtet sich, so sie nicht die Dinge ohnehin eher auf sich zukommen lassen, auf diese Reduzierungen des Stoffes, die besonders die unteren und mittleren Klassen betreffen.
Wohl deshalb, wegen der Entrümpelungshysterie, hat es aber bisher noch keine öffentliche Diskussion darüber gegeben, dass auch die Lehrpläne für die Oberstufe des verkürzten Gymnasiums neu geschrieben wurden - und dass dabei in Bayern etwas Bemerkenswertes passiert ist: Der Unterricht über den Nationalsozialismus wurde radikal verkürzt.
Auf der nächsten Seite: Wie in dem seit kurzem amtlichen, neuen bayerischen Lehrplan für Geschichte auf spektakuläre Weise die Proportionen durcheinandergeraten sind.
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 3 nächste Seite
- G8-Reform Aufstand der nervösen Mittelschicht 11.04.2008
- G8-Reform Der Stoff, aus dem die Albträume sind 11.03.2008
- G8-Reform Darf's ein bisschen weniger sein? 07.03.2008
- G8-Reform Kosmetische Reparaturen 28.02.2008
- Schule: G8 Überforderte Prinzen 30.03.2007
Bruce Springsteen in Frankfurt
Welch gräßlich ahnungslose Kommentare zu diesem wichtigen Thema, allein die Tatsache der Umgewichtung auf den Nahost-Konflikt riecht nicht nur, sondern stinkt nach Geschichtsklitterung. Aber ich rege mich nicht auf, ich zitiere aus einem Leserinnenbrief vom 01. Aug. 2008 an die SZ:
"(...) Die Stadt hatte sich selbst gefeiert auf dem Odeonsplatz, im Zentrum der einstigen "Hauptstadt der Bewegung". Fulminant und überdimensional. {Anm.: gemeint ist die 850-Jahr-Feier}
Doch die Nazi-Zeit blieb nahezu ausgeblendet. Ist ja auch ein dunkles Kapitel. Das hat man hier nicht so gern, da schaut man lieber weg. Vergeßt die Nazis!
Wer etwas wissen wollte von der Zeit, mußte schon zum Platz der Opfer des Nationalsozialismus gehen. Dort wurde ein Theaterstück über Sophie Scholl aufgeführt, auf einer kleinen Bühne, aber immerhin. Das wurde natürlich nicht vom Fernsehen übertragen.
Aber was soll's. Wenn nach dem Lehrplan für Geschichte in Bayern unterrichtet wird, weiß sowieso bald niemand mehr etwas von Adolf Hitler. Und zum 900. Geburtstag kann man die Zeit dann getrost ganz weglassen hier auf dem Odeonsplatz, vor der Feldherrnhalle."
Und all das vor dem Hintergrund der, von den großen Parteien halbherzig bekämpften, erstarkenden Neonazi-Parteien und der täglichen Gewalt dieser ewiggestrigen Widerlinge.
Um das Turbo-Abitur noch zu beschleunigen und rigoros alle Bedürfnisse unserer Wirtschaft zu erfüllen, sollte das Fach Geschichte vollständig aus dem Schulunterticht entfernt werden. Begründung: 1. Es kostet sauer verdientes Steuerzahlergeld, für das hart gearbeitet werden muss und das an anderer Stelle (z.B. im Fach Wirtschaft) wesentlich effektiver sofort eingesetzt werden kann. 2. Nachgewiesenermaßen begehen Menschen sowieso immer die gleichen Fehler, wenn sie vergessen haben. Wie die Geschichte lehrt, lehrt die Geschichte nichts! 3. Die dann erwerbslosen Geschichtslehrer können eine gesellschftlich sinnvollere Aufgabe erfüllen, z.B. als Arbeitsvermittler. Wir müssen jetzt alle weiter denken und neue Wege gehen!
Ferner ist Geschichte sowieso nur ein Laberfach, das wissen schon die Schüler.
@McMelly: Warum in Geschichte? Weil die anderen Fächer vorher bereits ständig Federn lassen mussten.
Ich habe mir gestern mal den geänderten Lehrplan des G8 angesehen. Eigentlich ist nicht wirklich etwas gestrichen worden, außer in Geschichte. Alles andere war ohnehin schon fakultativ mit ggf. oder z.B. angegeben. Also da, wo eigentlich Grundwissen gefordert wäre und stetiges Wiederholen angebracht wäre, nämlich in den Hauptfächern, hat sich gar nichts getan.
"Nationalsozialismus light"?
Manchmal geht ein Thema intensiver unter die Haut, wenn es kurz und prägnant behandelt wird. Eine Kürzung muss mitnichten eine "Lightversion" bedeuten!!!
Und im Gegenteil: zu ausführliches und unpräzises Behandeln eines so sensiblen Themas kann Effekte erzielen, die man eben damit bekämpfen wollte: Desinteresse im moderaten Fall, aber schlimmstenfalls Hassgefühle.
Paging