Frauenberufe Zum Schämen schlecht bezahlt

Typische Frauenberufe wie der der Altenpflegerin werden schlecht bezahlt.

(Foto: Catherina Hess)

Einem Lkw-Fahrer wird das Heben schwerer Lasten mit barer Münze angerechnet, einer Altenpflegerin nicht. Schuld an dieser Ungerechtigkeit haben auch die männerdominierten Gewerkschaften. Wenn Frauen mehr Lohn wollen, brauchen sie eine starke Lobby - und die können nur sie selbst sein.

Ein Kommentar von Ulrike Heidenreich

Schafft Zustände, worin jeder herangereifte Mann ein Weib nehmen, eine durch Arbeit gesicherte Familie gründen kann! Dieser Leitsatz stammt aus einer Denkschrift der Internationalen Arbeiterassoziation aus dem Jahr 1866. Der männliche Alleinverdiener war der Maßstab - in einer Zeit, in der sich die Gewerkschaften natürlich auch erst einmal selbst finden mussten.

Im März 2013, wenn über die schlechte Bezahlung in typischen Frauenberufen geklagt wird, hilft der Satz trotzdem zu verstehen, wo auch heute noch eines der Probleme liegt: in der Männerdominanz in den Gewerkschaften, siehe Mitgliederstruktur und Besetzung der Vorstandsposten. Stehen Tarifverhandlungen an, orientieren sich die Herrschaften eher einseitig am typisch männlichen Lebensmodell der Vollzeitarbeit als an variablen, familientauglichen Arbeitszeiten.

Dass nun am Equal Pay Day die zuständigen Politikerinnen ein Umdenken bei Tarifverhandlungen fordern, ist überfällig. Auch, dass die Frauenberufe endlich aufgewertet werden. Der Schwerpunkt des Aktionstages lag darum diesmal im Gesundheits- und Pflegebereich. Denn nirgendwo anders wird so deutlich, dass Arbeiten, die überwiegend von Frauen übernommen werden, zum Schämen schlecht bezahlt sind.

Die Tarifpartner nur zu ermahnen, bringt nichts

Doch wie soll diese Aufwertung funktionieren? Die Tarifpartner nur zu ermahnen, doch bitteschön über eine "geschlechtergerechte Lohnfindung" nachzudenken, wie es Familienministerin Kristina Schröder tut, bringt nichts.

Es beginnt damit, dass Frauen ihren Widerwillen gegen testosterongeladene Hinterzimmer-Versammlungen überwinden und sich stärker in den Gewerkschaften engagieren müssen. Wenn sie mehr Lohn wollen, brauchen sie eine starke Lobby - und die können nur sie selbst sein. Als um die 35-Stunden-Woche gekämpft wurde, hatten die wenigen DGB-Frauen alle Mühe, sich durchzusetzen. Sie wollten eine Verteilung der kürzeren Arbeitszeit auf einen familienkompatiblen Sechs-Stunden-Tag, ihre zahlreichen Kollegen hingegen lieber zusätzlichen Urlaub oder Freischichten.

Die Masse zählt; außerdem beharrliche Lobbyarbeit, um bewusst zu machen, was etwa Krankenschwestern oder Altenpflegerinnen Tag für Tag leisten. Wenn Frauen in Frauenberufen zu schwach organisiert sind, haben die Gewerkschaften wenig Kampfkraft. Und die müssen sie haben, um bei Tarifauseinandersetzungen wenigstens drohen zu können.

Sicherlich gibt es Frauenberufe, in denen Streiks wenig bewirken. Womit soll eine Friseurin oder Floristin drohen? Fällt ein Flug aus, kann man nicht reisen. Zum Haareschneiden geht man, meist jedenfalls, dann halt später.

Die Hartnäckigkeit von Gewerkschafterinnen ist gefragt

Der wochenlange Streik der Erzieherinnen vor einigen Jahren zeigt aber, dass Selbstbewusstsein und Zusammenhalt etwas bringen können. Deren Belastungen durch Lärm oder Sitzen auf niedrigen Kindergartenstühlen werden seitdem im Gehalt berücksichtigt.

Es gilt, die Tarifbindung insbesondere bei Frauenberufen zu stärken. Schwierig wird es werden, Rahmentarifverträge systematisch daraufhin zu durchforsten, wo Gleichheitsgrundsätze verletzt sind. Dazu zählt, dass das Heben schwerer Lasten einem Lkw-Fahrer mit barer Münze angerechnet wird, einer Altenpflegerin aber nicht. Die Tarifpartner haben diese Verträge oft jahrelang ausgehandelt, so schnell will da keiner etwas ändern. Wenn schon auf Arbeitgeberseite zu wenig führende Frauen da sind, ist hier die Hartnäckigkeit von Gewerkschafterinnen gefragt.

Die Zeit arbeitet für sie: In Pflegeheimen droht 2030 ein Kollaps, alte Menschen können nicht mehr versorgt werden. Pflegerinnen verdienen so wenig, dass sie in Großstädten kaum leben können. Das wird dann ein Problem der ganzen Gesellschaft, nicht nur ihres weiblichen Teils.

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