Frau am Steuerknüppel Emanzipation über den Wolken

Der libysche Staatschef Muammar al-Gaddaf treibt die Emanzipation voran: Kulthum Bouseyfi steuert einen Airbus 320 der libyschen Fluggesellschaft Al Afriqiyah - als erste Flugkapitänin des Landes.

Von Karin El Minawi, Tripolis

Kulthum Bouseyfi kann sich noch gut an die ersten Starts und Landungen erinnern. Bei ihren ersten Flügen gerieten vor allem die älteren Fluggäste in Panik, wenn bei den Durchsagen aus dem Cockpit eine weibliche Stimme ertönte. Das ist jetzt nicht mehr der Fall. Trotzdem steht die libysche Pilotin jedes Mal unter enormem Druck, wenn sie ihre Maschine auf die Landebahn aufsetzt: Mit ihrem riesigen Airbus A320 muss sie eine weiche Landung hinlegen. Schafft sie es, wird sie von den Passagieren gefeiert. Wird es holprig, bleibt es still an Bord, und sie kann sich vorstellen, was die Fluggäste denken: Das haben sie nun davon, dass da vorne im Cockpit eine Frau am Steuerknüppel sitzt.

Kulthum Bouseyfi ist die erste Pilotin der libyschen Fluggesellschaft Al Afriqiyah. Die Schleier tragende 32-Jährige hat es nicht einfach. Von ihren männlichen Kollegen mag sie inzwischen akzeptiert werden. Aber viele Al-Afriqiyah-Passagiere stutzen, wenn die weibliche Stimme aus dem Cockpit-Lautsprecher kommt und sie begreifen, dass eine Frau das Kommando über die Maschine führt. Im nordafrikanischen Libyen ist nicht nur der Pilotenberuf noch immer Männersache. Die libyschen Männer gewöhnen sich nur schwer daran, dass Frauen inzwischen in Cockpits, in Gerichtssälen und auf Baustellen genauso viel leisten wie am Herd oder im Klassenzimmer. Der libysche Staatschef Muammar al-Gaddafi, bekannt als unberechenbarer und gelegentlich erratisch auftretender Politiker, fördert und motiviert die Frauen seines Landes konsequent. Er treibt die Emanzipation voran, bietet den Libyerinnen Jobs, die in dem muslimischen Land vor einigen Jahren Männersache waren. Wobei das dauert: Bisher gab es in Libyen nur drei Pilotinnen. Jetzt sind es nur noch zwei: Kulthum Bouseyfi ist eine von ihnen.

"Diskriminierung zwischen Mann und Frau ist ein flagranter Akt der Unterdrückung, für den es keinerlei Rechtfertigung gibt", schreibt Gaddafi in seinem berühmten "Grünen Buch", das er als eine Art Staatsbibel selbst verfasst hat. "Die Frau isst und trinkt wie ein Mann, die Frau liebt und hasst wie ein Mann und die Frau denkt, lernt und versteht so wie ein Mann", notierte der Revolutionsführer weiter.

Kulthum Bouseyfi würde das sofort unterschreiben: Schon als Kind war sie von der Fliegerei fasziniert, träumte von einem Berufsleben als Pilotin. Sie entschloss sich, den angeblichen "Männerberuf" zu ergreifen und wurde dabei von ihren Eltern unterstützt: "Es war eine Herausforderung, da weder die männlichen Kollegen mich unterstützten noch die Gesellschaft", sagt sie. Obwohl Gaddafi in den Jahren nach der Einführung des Grünen Buches 1975 eine Akademie für weibliche Offiziere eröffnete, Frauen zu Polizistinnen machte und selbst weibliche Leibwächter hat, gewöhnt sich die arabische Gesellschaft nur langsam daran, dass die Frauen sich nicht mehr ausschließlich in der traditionellen Rolle als Mutter und Ehefrau sehen.

Die libysche Frau von heute studiert und macht inzwischen fast 28 Prozent der Arbeiterschaft aus, 1980 waren es knapp zwölf Prozent. Sie will Richterin, Chefredakteurin, Polizistin oder Pilotin werden. So auch Kulthum Bouseyfi: Die verschleierte Pilotin beendete die Flugschule in Libyen 2003 mit Prädikatsabschluss, erhielt von der Regierung ein Stipendium und lernte danach noch sieben Monate an einer Pilotenschule in Spanien.

"Es tut sich etwas in Libyen. Nicht nur politisch, sondern auch gesellschaftlich", sagt die Zivilpilotin Bouseyfi, die seit zwei Jahren verheiratet ist. Obwohl die libysche Gesellschaft bis heute konservativ und traditionell geprägt ist, die meisten Frauen Schleier tragen und selten ohne männliche Begleitung auf den Straßen zu sehen sind, verändert sich etwas. Langsam jedenfalls: "Gaddafi macht das möglich, er setzt sich für eine Veränderung ein", sagt sie. Um die Frauen weiter zu motivieren, ordnete er an, dass sie ein Recht auf Mutterschutz und Stillpausen bei der Arbeit haben - Libyens Staatschef hält wenig von Kindergärten. Das schreibt er auch in seinem "Grünen Buch".

"Papa Gaddafi kümmert sich gut um uns Frauen"

Doch die libysche Realität unterscheidet sich auch hier noch von den Theorien in dem Gaddafi-Brevier. Oft bleibt berufstätigen Müttern nichts anderes übrig, als ihre Kinder in die vom Staat finanzierten Krippen und Kindergärten zu geben. So geht es auch der alleinerziehenden Polizistin Tahani S. Die 29-Jährige absolvierte 1998 die Polizeiakademie in Tripolis. Seit einigen Jahren arbeitet sie bei der Kriminalpolizei in Bengasi am Flughafen. Dort steht die Kommissarin in Zivilkleidung und Schleier an den Metalldetektoren, durchsucht Frauen, bei denen das Gerät Alarm schlägt. Die Geschiedene ist alleinerziehende Mutter, sie hat eine dreijährige Tochter. Das Kind geht ganztags in einen Kindergarten. Tahani S. hat einen Zwölf-Stunden- Tag und verdient umgerechnet 250 Euro im Monat. Trotzdem, sagt sie, sei sie zufrieden: "Papa Gaddafi kümmert sich gut um uns Frauen. Er behandelt uns wie die Männer, bietet uns dieselben Möglichkeiten." Sie verdiene genau so viel wie die männlichen Polizisten und könne bis zum General aufsteigen. Der einzige Unterschied: Wenn sie vorbeiläuft, dürfen die Kollegen in Uniform nicht die Hand an die Mütze heben und salutieren.

Die Pilotin Kulthum Bouseyfi verdient gleich gut wie ihre männlichen Kollegen. Seit 2005 arbeitet sie bei der staatlichen libyschen Fluggesellschaft. Ihre männlichen Kollegen mussten erst lernen, sie zu respektieren. "Den Respekt habe ich mir mit meiner starken Persönlichkeit und mit meinem fliegerischen Können verdient", davon ist sie überzeugt. In Panik geraten die Fluggäste bei Start und Landung auch nicht mehr. Sie haben sich daran gewöhnt, dass im Cockpit eine Frau den Ton angibt. Zu Hause ist das noch immer anders. Sobald sie ihre Uniform ablegt, hat allein ihr Ehemann das Sagen.