Chatzimarkakis verliert Doktortitel Aber ich war doch in Oxford

Abgeschrieben? Von wegen! FDP-Politiker Jorgo Chatzimarkakis hat eine erstaunliche Erklärung für sein Plagiat: Es sei eine "spezielle Zitierweise", die er in Oxford gelernt habe. Die Universität Bonn sieht das allerdings anders und entzieht dem Europaabgeordneten den Doktorgrad. Chatzimarkakis will aber nicht klein beigeben: Er plant schon eine neue Doktorarbeit.

Von Johann Osel

Zuletzt hatte es Jorgo Chatzimarkakis mit der Flucht nach vorne versucht. Öffentlich beteuerte der FDP-Europaabgeordnete seine Unschuld: "Keine Stelle ohne Quelle" sei das Grundprinzip seiner Doktorarbeit aus dem Jahr 2000, sie habe nur "Methodenschwächen" und sei deshalb auch nicht mit Bestnote bewertet worden.

Und die zahlreichen Plagiate, die von der Internetplattform VroniPlag zusammengetragen wurden?

Zurückzuführen seien die Vorwürfe auf seine spezielle Zitierweise, sagte Chatzimarkakis, diese habe er bei einem Oxford-Aufenthalt erlernt - das "Lesbarmachen von Texten". Obendrein erwähnte er mehrmals, etwa jüngst in der Talkshow Anne Will, die rührselige Geschichte, wie er die Doktorarbeit dem Großvater mit ins Grab gelegt habe. Er habe "gute Gründe für Hoffnung"; denn eindeutig sei sein Fall nicht, er zeige "seine eigenen Gesetzmäßigkeiten".

Das war ein Irrtum. Der Fakultätsrat der Universität Bonn hat am Mittwoch entschieden, Chatzimarkakis den Doktortitel zu entziehen. Die Arbeit entspricht demnach nicht den Kriterien korrekten wissenschaftlichen Arbeitens.

Mehr als die Hälfte der Arbeit betroffen

Schon VroniPlag führte auf, dass zwar nicht die Dreistigkeit vieler Komplett-Plagiate wie im Fall von Ex-Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) vorliegt; sehr wohl sind aber zum Beispiel Teile der Einleitung fast wortgleich abgeschrieben, Anführungszeichen fehlen - stattdessen verweist der Autor an späterer Stelle auf eine Quelle.

Hier wie auch bei Passagen quer durch die Arbeit entsteht der Eindruck, nur der letzte Gedanke und nicht die gesamte Passage sei übernommen, und zwar nur inhaltlich, nicht wörtlich. "Das reicht nicht aus und verletzt die Regeln wissenschaftlichen Arbeitens", so der Bonner Dekan Günther Schulz. Die Uni stellte zudem fest, dass mehr als die Hälfte der Arbeit aus fremden Federn stammt; "so etwas genügt nicht den Anforderungen an eine Doktorarbeit, die ja eine selbständig erbrachte Leistung sein muss".

Der FDP-Politiker, der die deutsche und griechische Staatsbürgerschaft besitzt, sagte am Mittwoch, die Entscheidung sei "bitter"; er sei aber "erleichtert", dass die Universität "keine Täuschungsabsicht" sehe und ausdrücklich Fußnotenapparat und Literaturverzeichnis als regelgerecht ansehe. "Meine Dissertation ist ein Grenzfall. Dass meine damals gewählte Zitierweise heute als unzureichend angesehen wird, bedauert niemand mehr als ich." Eine Aufgabe seines Mandats schließt er offenbar aus. Dafür erwäge er die Anfertigung einer zweiten Dissertation, teilte Chatzimarkakis mit.

Mehrere andere Plagiatsfälle werden derzeit noch geprüft

Seine Parteikollegin, die Europaabgeordnete Silvana Koch-Mehrin, der kürzlich durch die Uni Heidelberg der Doktor aberkannt wurde, hatte ihre Posten als Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments und als Chefin der dortigen liberalen Fraktion abgegeben; zudem, nach massiver Kritik aus der Wissenschaft, ihren Sitz im Forschungsausschuss des Parlaments.

Derzeit laufen an deutschen Hochschulen noch weitere Verfahren gegen Personen des öffentlichen Lebens: Ebenfalls die Uni Bonn prüft die Arbeit der Potsdamer Honorarprofessorin und Politikberaterin Margarita Mathiopoulos (FDP). Ihre Doktorarbeit stand bereits vor gut 20 Jahren in der Kritik, damals hatte der Promotionsausschuss ihr aber trotz handwerklicher Mängel eine originelle These zugestanden. Die Internet-Plagiatsfahnder hatten nun durch ihre Recherchen Anlass für eine erneute Prüfung gegeben.

Neben der Aberkennung der Doktorgrade von Guttenberg, Koch-Mehrin, Chatzimarkakis sowie Veronica Saß, der Tochter des ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber (CSU), verlor vor wenigen Tagen der SPD-Politiker Uwe Brinkmann den akademischen Grad. Er war unter anderem Juso-Chef in Hamburg.

Auch die Dissertation des niedersächsischen Kultusministers Bernd Althusmann (CDU) wird momentan überprüft. Da er derzeit turnusmäßig den Vorsitz der Kultusministerkonferenz (KMK) einnimmt, wurde die Forderung laut, er solle dieses Amt umgehend ruhen lassen. Ansonsten werde die Institution KMK beschädigt, warnten Oppositionspolitiker. Althusmann entgegnete, vor einer Überprüfung der Doktorarbeit seinen Rücktritt zu fordern, sei "schlicht unredlich", die Vorwürfe gegen ihn "inszeniert".