Faulheit als Erfolgsrezept "Nicht härter, sondern klüger arbeiten"

Plädoyer für cleveres Faulenzen: Buchautor Peter Taylor.

(Foto: Peter Taylor)

Weniger arbeiten und trotzdem erfolgreich sein - eine Wunschvorstellung? Nein, sagt der britische Buchautor Peter Taylor. Der frühere Projektmanager hat aus seinem Hang zur Faulheit eine Tugend gemacht. Im Gespräch erklärt er sein Erfolgsrezept.

Von Johanna Bruckner

Der Fleißige wird der Erfolgreiche sein, so wird den Arbeitnehmern suggeriert. Workaholics und Multitasker sind gefragt, für Faulpelze ist kein Platz. Oder doch? Paul Taylor hat fast 30 Jahre als Projektmanager bei großen Unternehmen gearbeitet. Heute hält der Brite Vorträge über die "Kunst des Faulseins", jüngst ist sein Buch "The Lazy Winner" auf Deutsch erschienen ("Erfolgsstrategien für Faulenzer", Gabal Verlag). Im Interview erklärt er, warum weniger Arbeit nicht weniger Erfolg bedeutet - und wie man richtig nein sagt.

SZ.de: Mr Taylor, sind Sie ein Faulpelz?

Peter Taylor: Ich bin ein ausgemachter Faulpelz, aber auf clevere Art und Weise. Ich mache viele Dinge gleichzeitig: Ich reise viel, spreche auf Konferenzen, schreibe Bücher ... Aber ich genieße natürlich auch meine Freizeit.

Den Deutschen wird gerne nachgesagt, sie seien fleißige und pflichtbewusste Arbeiter. Die Idee Ihres Buches, mit Faulenzen zum Erfolg zu kommen, klingt da erst einmal komisch.

Wir leben in einer Zeit, in der es wichtig ist, ständig beschäftigt auszusehen. Aber dass jemand etwas tun kann, bedeutet nicht, dass er es immer tun sollte. Die Idee hinter dem Buch ist, nicht härter, sondern klüger zu arbeiten. Es geht darum, erst nachzudenken, anstatt sich kopflos in die Arbeit zu stürzen. Denn sonst besteht die Gefahr, dass eines Tages die große Chance vorbeikommt - aber man muss sie auslassen, weil man bereits mit anderen Dingen beschäftigt ist.

Die "80:20"-Regel steht im Mittelpunkt Ihrer Philosophie. Was ist damit gemeint?

Die "80:20"-Regel, das sogenannte "Pareto-Prinzip", lässt sich auf verschiedenste Dinge anwenden: Zum Beispiel tragen die meisten von uns an 80 von 100 Tagen die immer gleichen 20 Prozent ihres Kleidungsschranks - nämlich ihre Lieblingsklamotten. Auf die Arbeitswelt übertragen bedeutet das: Nur ein Fünftel der Dinge, die wir tun, hat tatsächlich einen Einfluss auf unseren Erfolg. Mit 20 Prozent Engagement erreichen wir 80 Prozent der Ergebnisse. Deshalb ist es wichtig, sich auf die wesentlichen Dinge zu konzentrieren, seine Handlungen zu priorisieren. Sparen Sie sich die Mühe, Ihre Präsentation farblich perfekt abzustimmen und mit Animationen aufzupeppen, wenn eine simple Schwarz-Weiß-Grafik denselben Zweck erfüllt.

Wie filtert man die wirklich wichtigen Aufgaben heraus?

Die meisten Menschen führen chronologische To-do-Listen: Immer wenn ihnen etwas einfällt, fügen sie einen neuen Punkt hinzu. Die Kunst des Listen-Führens ist, Struktur und Strategie hineinzubringen. Dabei hilft es, nach zwei Dingen zu fragen: Wie wichtig ist eine Aufgabe? Und welche Auswirkung wird sie vermutlich haben? Danach lassen sich Aufgaben priorisieren. Man wird also in die Planungsphase ein bisschen mehr Arbeit investieren müssen als vorher - dafür werden die tatsächlichen Aufgaben weniger.

Ihr Buch ist auch ein Plädoyer fürs Nein-Sagen.

Menschen neigen dazu, zu schnell ja zu sagen. Damit verpflichten sie sich zu Dingen, für die sie eigentlich keine Zeit haben. Und sie erledigen andere, möglicherweise wichtigere Aufgaben verspätet oder vielleicht sogar gar nicht. Es geht darum, sich zu fragen: Möchte ich eingebunden sein? Ist es wichtig, dass ich eingebunden bin? Bin ich die richtige Person für die angefragte Aufgabe? Wenn die Antwort auf alle diese Fragen "Ja" ist - prima. Wenn sie aber "Nein" ist, sollte man lernen, auch nein zu sagen. Damit haben jedoch viele Menschen ein Problem.

Zu einem Vorgesetzten kann man kaum "Nein" sagen.

Das kommt darauf an, welches Verhältnis man zu seinem Vorgesetzten hat. Manchmal ist ein offenes Nein tatsächlich nicht angebracht. Aber es gibt Techniken, mit denen man sich behelfen kann - zum Beispiel das "Available-to-Promise"-Konzept. Danach sollte man seinem Vorgesetzten vermitteln: Ich höre, was du von mir willst und ich bin bereit, es zu tun - aber ich kann es jetzt nicht unmittelbar umsetzen. Was ich dir anbieten kann, sind ein paar Stunden heute oder morgen für die Aufgabe. So signalisiert man Bereitschaft und erkauft sich Zeit. Außerdem gibt man die Ja-/Nein-Antwort an den Fragenden zurück.

Bei welchen Aufgaben empfiehlt es sich, ja zu sagen?

Wenn die Antwort auf die bereits erwähnten Fragen (siehe Antwort fünf, Anm. d. Red.) jeweils ja ist, sollte man die Aufgabe übernehmen. Allerdings ist es manchmal auch ratsam ja zu sagen, wenn nicht alle Fragen zustimmend beantwortet werden können. Zum Beispiel, wenn es darum geht, jemandem zu helfen. Außerdem wollen wir alle an neuen Dingen teilhaben, unsere Fähigkeiten erweitern. Bei manchen Projekten ist es also weniger wichtig, von vorneherein die richtige Person im Sinne eines Experten zu sein. Wichtiger ist der Erkenntnisgewinn, den eine Aufgabe verspricht.

Ist Delegieren ein Ausweg für Faulpelze?

Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Manchmal gibt es tatsächlich Kollegen, die vielleicht nicht nur besser geeignet sind, eine Aufgabe zu übernehmen, sondern auch noch Spaß daran haben. Aber generell ist mangelnde Lust kein guter Grund, nein zu sagen. Gerade in leitenden Positionen kann es wichtig sein, sich auch in weniger attraktiven Aufgaben zu engagieren. Um zu zeigen: Ich interessiere mich für eure Arbeit und bin froh, mit euch zusammenzuarbeiten.

Wie überwindet man den inneren Schweinehund vor einer anstehenden Aufgabe am besten?

Am wichtigsten ist es, aktiv zu werden. Eine unangenehme Aufgabe wird nicht dadurch weniger abschreckend, dass man sie anschaut. Wenn eine Aufgabe im Ganzen zu schwierig oder herausfordernd scheint, kann es helfen, sie auf mehrere überschaubare Arbeitsschritte aufzuteilen. Bei uns gibt es dafür den schönen Ausdruck: "eating the elephant in small bites", den Elefant in kleinen Stücken essen. Oder man kann versuchen, sich jemanden zu suchen, der einem hilft, der einen anleitet. Egal wie - am Ende des Tages muss man einfach angefangen haben.

Gibt es einen berühmten Faulpelz, an dem Sie sich ein Beispiel nehmen?

Der Science-Fiction-Autor Robert Heinlein hat mal gesagt: "Fortschritt kommt nicht durch Frühaufsteher. Fortschritt entsteht, wenn faule Menschen nach einfacheren Wegen suchen, etwas zu tun."

Anm. d. Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels war das Heinlein-Zitat mit Männern statt Menschen übersetzt. Wir bitten dies zu entschuldigen.