Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg hat die Rechte der Whistleblower gestärkt: Er sprang einer Pflegerin bei, die ihren Arbeitgeber angezeigt hatte und deswegen entlassen wurde. Warum ein Arbeitnehmer sein Gewissen nicht an der Stechuhr abgeben muss.
Das Schlechteste an einem Whistleblower ist sein Name. Die Leute, die man neuerdings auch in Deutschland so englisch bezeichnet, sind keine Pfeifen, sondern verantwortungsbewusste Leute. Sie rennen nicht mit einer Tröte, einer Vuvuzela oder sonst einem Blasinstrument durch die Gegend, um aus Jux und Tollerei Krach zu machen. Sie machen nicht leeren Lärm, sondern melden Missstände; oft solche an ihrem Arbeitsplatz.
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Die Entlassung der Altenpflegerin Brigitte Heinisch ist rechtswidrig, so entschied es der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR). Damit hat das Gericht die Rechte der Whistleblower gestärkt. (© dapd)
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Die Whistleblower wollen sich nicht damit abfinden, dass in ihrem Krankenhaus der kleine Personalschlüssel wichtiger ist als die Menschenwürde; oder dass in ihrem Altenheim die Arbeit nur dann zu schaffen ist, wenn man die Alten am Rollstuhl festbindet.
Oft genug erleiden die Whistleblower Nachteile. Sie werden zwar in der Zeitung für ihren Mut gelobt, manchmal erhalten sie auch einen Preis für Zivilcourage; von ihrem Arbeitgeber werden sie aber gekündigt. Bisher haben die Arbeitsgerichte diesen Preis oft genug bestätigt. "Verletzung der Loyalität" gegenüber dem Arbeitgeber war die Begründung.
Damit dürfte es nun vorbei sein. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg ist nun einer Whistleblowerin beigesprungen. Die Altenpflegerin hatte nicht ins Blaue hinein eine Anzeige erstattet, sondern x-mal vergeblich bei ihrem Arbeitgeber Missstände moniert. Der Straßburger Spruch besagt: Ein Angestellter muss nicht sein Gewissen an der Stechuhr abgeben.
Wer diesen Leuten übel will, spricht von Wichtigtuerei oder von Denunziantentum. Indes: Ist die Krankenschwester eine Wichtigtuerin, weil sie unhygienische Zustände im OP nicht dulden will? Und ist eine Altenpflegerin eine Denunziantin, weil sie die organisierte Entwürdigung der Alten in ihrem Heim nicht mehr aushält?
Muss die Altenpflegerin selber kündigen, wenn das so ist? Oder darf sie versuchen, für bessere Zustände zu sorgen - wenn es gar nicht anders geht, per Strafanzeige? Ist es eine Sauerei, wenn die Angestellte publik macht, dass in ihrem Heim alte Menschen aus Zeitnot am Rollstuhl festgebunden werden? Die Sauerei besteht doch vielmehr darin, dass das geschieht - und die Heimverwaltung trotz aller Hilferufe nicht reagiert!
Sicherlich ist es heftig, wenn eine Angestellte ihren Arbeitgeber wegen "Betruges" an alten Menschen anzeigt. Es kann dies aber ein Akt der Nothilfe sein, der Wahrnehmung berechtigter Interessen. So war es im vorliegenden Fall. Es war ein Fall nicht von Gschaftlhuberei, sondern von couragierter Kümmerei. Die deutschen Gerichte haben das nicht sehen wollen. Der Gerichtshof in Straßburg ist helfend eingesprungen. Er entwickelt sich zum Gebrechlichkeitspfleger für die Justiz, zu einer Instanz, die deutschen Instanzen auf die Sprünge hilft.
Die Straßburger Entscheidung sollte Anlass sein, das "Gesetz zum Schutz öffentlicher Interessen durch Förderung und Schutz von Hinweisgebern" zu verabschieden. Es gibt gute Entwürfe dafür. Sie enthalten auch klare Regeln zum Kündigungsschutz.
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(SZ vom 22.07.2011/lom)
Moderne Verwaltung
Herr Hundt hat der Bundesregierung empfohlen, gegen das Urteil des EGMR-Urteil vorzugehen.
Diese Haltung spiegelt die aktuelle Situation in unserem Land, die Haltung der Arbeitgeber zu den Arbeitnehmern und zur Politik wider.
Der Arbeitnehmer hat aus Sicht von Hundt und Kollegen zwei Pflichten: Malochen und Maul halten. Jederzeit verfügbar, "mobil", obszön billig.
Und das auch noch heute, obwohl Hundt und kollegen die Profiteure von inzwischen nahezu 20 Jahren radikal-kapitalistischer Politik in unserem Land sind.
Das kann man unverschämt nennen. Aber es ist nur unverschämt ehrlich.
Wenn Arbeitgeber doch mehr auf ihre Angestellten hören würden – auf solche wie die Altenpflegerin Brigitte Heinisch. Oder die Veterinärin Margit Herbst, die 1990 mehr als zwanzig Verdachtsfälle an ihre Chefs weitergereicht hatte, worauf vier Jahre nichts geschah und die sich dann an die Öffentlichkeit wandte und prompt wegen Verstoß gegen die Verschwiegenheitspflicht den Arbeitsplatz räumen musste. Hätte nur ein Mitarbeitern die Courage bewiesen auf die Mängel an der Dachkonstruktion der Eissporthalle in Bad Reichenhall hinzuweisen, hätte diese vielleicht im Dezember 2006 nicht 49 Menschen unter sich begraben…Die deutsche Gesetzgebung sollte dem Urteil des Gerichtshof folgen und rechtlich dafür sorgen, dass couragiertes Bemühen und „Hinsehen“ am Arbeitsplatz nicht länger bestraft werden kann.
Sie unterstellen, das Urteil wäre ein Freibrief für Verleumdung und Racheakte.
Das ist Quatsch.
Sie versuchen damit das Urteil zu dikreditieren, indem Sie ihm Auswirkungen unterschieben, die es nicht haben wird.
Das ist Ihrerseits unredlich.
Das Thema lautet: muss man Mitarbeiter, die ihren Arbeitgeber an die Polizei verpfiffen haben weiterbeschäftigen bzw. eine Abfindung zahlen (weil kein AG sie behalten wird)?
Nein! (außer bei schweren Straftaten, die können von niemandem gedeckt werden). Die Aufsicht muss übrigens beim Staat liegen und die Verantwortung ist immer bei der Leitung - egal wieviel sie verdient. Wenn ein Altenheim das Verhalten der Pflegerin gut findet, kann sie übrigens einstellen und beschäftigen.
Bin mal gespannt, ob jemand sie in der Branche noch mal einstellt. Ich erwarte es eher nicht.
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Sie verfehlen das Diskussionsthema...!
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Hier geht es um den alltäglichen Ablauf in den Firmen....!
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Sie sollten Ehestreitigkeiten nicht als "tagtäglichen Normalfall betrachten und in jeder Firma üblich" betrachten.
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Das Risiko, wenn in einer Firma --- Ehepartner --- als sogenannte Mitinhaber oder Teilhaber fungieren.... oder als dortige Angestellte, dass im Falle vonStreitfällen die Angelegenheiten oft vor Gericht ausgetragen werden, ist üblich - wenn sich die eine Seite erpressbar gemacht hat. Da gab es auch ohne das EGH-Urteil schon genug Fälle - die vor unseren deutschen Gerichten gelandet sind.
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