Debattieren an der Uni Es lebe die Freiheit!

Reden, was das Zeug hält: Politisches Debattieren wird mittlerweile auch an deutschen Unis mit Leidenschaft geübt. Ein Besuch beim Tübinger Studentenclub.

Von Andreas Lochner

Nils Hölig reißt die Arme in die Luft, breitet sie aus. "Freiheit!", schmettert er in das Raucherzimmer einer Tübinger Kneipe. "Freiheit! Das war das Schlüsselwort dieser Debatte." Der 23-Jährige furcht dabei mit den Armen durch die Luft, obwohl er an diesem Mittwochabend keine Schwaden teilen muss. Keiner raucht von den zwei Dutzend Leuten im Raum. Sie hören zu. Nils Hölig spricht von der Burka, wie sie Frauen in ein mobiles Gefängnis sperre, von der Außenwelt abschirmt. Zwischenfrage aus dem Publikum: "Meinst du nicht, dass es Menschen gibt, die offen auf Menschen zugehen, die eine Burka tragen, und mit ihnen reden?" BWL-Student Hölig: "Nein, das glaube ich nicht."

Es ist Mittwochabend und die Mitglieder des Tübinger Vereins "Streitkultur" haben sich versammelt. Es sind Studenten von Biochemie bis Philosophie, die einmal in der Woche eines eint: Sie wollen debattieren, und zwar nach festen Regeln. Im Tübinger Raucherzimmer ragt eine Tafel aus fünf Tischen quer in den Raum. An einem Kopfende sitzt der Debattenleiter. Am anderen steht als letzter Redner Nils Hölig für die Regierungsfraktion, die er mit zwei Kolleginnen bildet und die zu seiner Rechten sitzt.

Jeder hat sieben Minuten

Zu seiner Linken hat die Opposition mit drei Leuten Platz genommen. So stellen sie eine Parlamentsdebatte nach. Im Wechsel sprechen Regierung und Opposition. Jeder Redner hat sieben Minuten Zeit. Hinzu kommen drei Fraktionslose, die sich für die Meinung von Regierung oder Opposition entscheiden, aber nur dreieinhalb Minuten sprechen dürfen. Zwischenrufe und Applaus aus dem Publikum sind in Maßen erlaubt.

An diesem Abend geht es um die Frage, die schon in Belgien und Frankreich die Gemüter erhitzt hat: Soll die Ganzkörperverhüllung in der Öffentlichkeit verboten werden? Die Vereinsvorsitzende Anna Mattes verliest das Thema, dann haben die Redner 15 Minuten Zeit, sich vorzubereiten. Jeder macht sich ein paar Notizen und los geht es: "Ich glaube, dass niemand freiwillig mit einem Netz um den Kopf herumläuft", sagt die Eröffnungsrednerin der Regierung in ihrem Plädoyer gegen die Burka. Der Auftaktredner der Opposition hält dagegen: "In Deutschland trägt praktisch niemand die Burka. Bei Migranten ist sie verpönt. Ist dann die Burka in Deutschland wirklich das große Problem?"

Es geht um Argumente

Bei den Debatten geht es nicht um die eigene Meinung, sondern darum, Argumente zu finden und sie überzeugend zu vertreten. "Manchmal tut es einem weh, wenn man dagegen sein muss", sagt Anna Mattes. Die 22-Jährige ist seit zweieinhalb Jahren bei dem Verein. Sie kam über eine Mitbewohnerin dazu. "Ich wusste vorher gar nicht, was das ist", sagt sie über Debattierclubs. Kein Wunder: Ein Vorgänger des Tübinger Vereins wurde 1991 gegründet, "Streitkultur" kann sich damit schon als der älteste Club in Deutschland bezeichnen. Das ist nicht eben viel Tradition im Vergleich zu Großbritannien, wo Studenten in Cambridge und Oxford schon im frühen 19. Jahrhundert in "Unions" debattierten. Und wo später auch Premierminister wie Tony Blair und Margaret Thatcher die rhetorische Schule der Debattierclubs durchlaufen haben.

Verräterische Körpersprache

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