Eltern misstrauen dem staatlichen Bildungssystem, Privatschulen boomen. Sie haben den Ruf, Eliteschmiede für die Oberschicht zu sein - doch das Klischee ist falsch.
Privatschulen in der Bundesrepublik boomen. Seit zwanzig Jahren steigen die Schülerzahlen kontinuierlich; im Schnitt kommen jede Woche zwei neue Bildungseinrichtungen dazu. Das Spektrum ist enorm: Manche Schulen sind streng christlich, andere geben sich antiautoritär, und viele wollen zumindest ein bisschen elitär sein. Bereits jeder neunte Gymnasiast besucht eine private Schule, und seit einigen Jahren steigen sogar die Angebote für die Erstklässler gleichmäßig. Offensichtlich wächst das Misstrauen der Eltern gegenüber dem staatlichen Bildungssystem stetig.
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Lernen an einer Privatschule: Das Einkommen der Eltern mag nicht entscheidend sein - ihre Bildung ist es sehr wohl. (© Foto: dpa)
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Doch welche Eltern sind das? In der deutschen Bildungsdiskussion dominiert die Annahme, es seien die Gutverdiener, die sich das Schulgeld und die Spenden an den Trägerverein der Schule locker leisten können, die ambitionierten Akademiker, die für ihre Söhne und Töchter eine irgendwie geartete "bessere" Schule suchen. Doch überprüft wurde dieses Klischee nie.
Keine Eliteschmiede für die Oberschicht
Die Bildungsökonomin Katharina Spieß vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat nun mit zwei Kollegen versucht, die Eltern der Privatschüler genauer zu beschreiben. Das überraschende Ergebnis: Keinesfalls finden sich an Privatschulen nur Kinder aus wohlhabenden Familien. "Das Haushaltseinkommen ist nicht entscheidend", hat Spieß mit den Daten einer repräsentativen Befragung von 12.000 Haushalten festgestellt.
Reiche Eltern, die deutlich mehr verdienen als der Durchschnitt, schicken ihre Kinder ebenso häufig auf Privatschulen wie weniger Begüterte mit normalen Einkommen. Das Bild von der Eliteschmiede für die Oberschicht stimmt offenbar nicht; die Forderung des Grundgesetzes, dass "keine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern" erfolgen darf, scheint erfüllt zu sein.
Trotzdem sind Privatschulen kein Spiegel der Gesellschaft. Das Einkommen der Eltern mag nicht entscheidend sein - ihre Bildung ist es sehr wohl. Von den Eltern, die selbst Abitur haben, schicken mehr als zwölf Prozent ihre Kinder auf eine Privatschule; diese Eltern haben den Boom der vergangenen Jahre ausgelöst. Ganz anders die Eltern mit Haupt- oder Realschul-Abschluss: Nur fünf Prozent ihrer Kinder gehen nicht auf staatliche Schulen; daran hat sich in den letzten Jahrzehnten wenig geändert. Wer heute eine Privatschul-Klasse vor sich hat und die Kinder und Jugendlichen nach dem Schulabschluss ihrer Eltern fragt, wird meist die gleiche Antwort bekommen: Abitur, ist doch logisch.
Boom der Privatschulen
Dass das Einkommen der Eltern nicht wichtig ist, könnte daran liegen, dass nicht alle Privatschulen viel Geld verlangen: Gerade unter kirchlichen gibt es viele mit sozialer Preisgestaltung. Doch davon kann nur profitieren, wer davon weiß. Und dieses Wissen, vermutet Katharina Spieß, ist bei Eltern mit höherem Schulabschluss häufiger vorhanden.
Nun überlegen Bildungspolitiker seit längerem, wie sie auf den Boom der Privatschulen reagieren sollen. Uta Meier-Gräwe, Soziologin an der Uni Gießen, plädiert dafür, dass "Privatschulen ihre oft sehr gute Arbeit unbedingt weiterführen sollen - aber mit einem Anteil von dreißig Prozent Kindern aus schwierigen Verhältnissen". Wer das durchsetzen will, das legt die DIW-Studie nahe, darf sich nicht auf das Einkommen der Eltern konzentrieren, sondern muss nach ihrem Schulabschluss fragen. Denn wieder einmal zeigt sich, dass Wissen in einer modernen Gesellschaft viel bedeutsamer ist als der Kontostand.
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(SZ vom 14.9.2009/bön)
...wie diese 30% aus schwierigen Verhältnissen rekrutiert werden sollen. Der Besuch einer Privatschule setzt schließlich immer voraus, dass die Eltern sich informiert und eine bewusste Entscheidung getroffen haben. Eltern, denen die Bildung ihrer Kinder sch.egal ist oder die nicht die sprachlichen/kulturellen/intellektuellen... Voraussetzungen erfüllen, um überhaupt eine solche Entscheidung treffen zu können, werden ihren Nachwuchs allein schon deshalb kaum jemals auf eine Privatschule schicken.
Die Studie sagt in ihrer Allgemeinheit nichts aus.
Warum?
Hier werden Eliteschulen wie Salem, die sich kaum einer leisten kann, in einen Topf geworfen mit den Schulen wie denen von fundamentalen Christen, die sich aber viele leisten können. Ohne diese Trennung kommt man dann zu den verwunderlichen Ergebnissen.
Ich möchte eine Lanze brechen für die staatlichen Schulen, an denen keine sich überlegen fühlende Schnösel oder in ihrer Sicht durch religiöse Fundamentalisten beschränkte Jugendliche herauskommen!
kostet es Geld. Damit trennt sich oft schon die Kundschaft: Menschen, denen die Bildung der Kinder "was wert ist" und die anderen.
Meine Schwester war auf einer Privatschule, weil sie sich in das AllesWurschtSystem der Lehrer einer staatlichen Schule nicht einfügen konnte.
Leitungsfunktionen werden beim Staat oft auch nach politischen Kontakten vergeben, so daß es kein Wunder ist:
wenn Staat mit Privat konkurriert, gewinnt oft Privat. (kunden)freundlich, offen für Kritik und bemüht sich immer wieder neu - denn die Existenz ist nicht per se gesichert.
Übrigens: meine Schwester betreibt nach ihrem Pädagogikstudium eine sehr erfolgreiche private Bildungseinrichtung...
Der Artikel reflektiert ganz gut, was ich in meinem Umkreis beobachte. Es gibt hier in Darmstadt eine stets zunehmende Zahl an Privatschulen und keiner einzigen davon haftet das Etikett "elitär" an. Es sind zu ganz großen Teilen Eltern aus 'normalen' Verhältnissen, die hier eine einfache Mietwohnung im Altbau haben, bei Aldi einkaufen und dann die 200-300 Euro pro Monat zusammenkratzen, um ihrem Kind einen anderen Bildungsweg mit individuellerer Betreuung und einem viel besseren Betreuungsschlüssel zu ermöglichen.
Was in dem Artikel übrigens fehlt ist die Information, dass die meisten dieser Schulen Elterninitiativen sind und viel Mitarbeit der Eltern erfordern, um den Laden am Laufen zu halten (das geht von Renovierungsarbeiten, über organisatorischen Tätigkeiten, bis dahin, selbst Angebote am Nachmittag anzubieten, z.B. Mal/Bastel/Computerkurse). Wirklich reiche Eltern schicken ihre Kinder wohl eher auf Internate o.ä, wo sie einen eher vierstelligen Betrag pro Monat überweisen und dann aber auch keine Verpflichtungen haben, schätze ich.
dass sie jetzt auch ihre Kinder auf Privatschulen schicken können. Denn laut dieser Studie kostet das ja praktisch nichts. Und nichts hat ein Mitglied des Prekariats ja reichlich.
Ohne Ironie: Diese Studie, oder zumindest die Ausführungen in diesem Artikel, blenden komplett aus, dass es einen Großteil der Bevölkerung gibt, der sich auch die "günstigen" Preise einer Privatschule niemals wird leisten können. Die Kinder dieser Eltern sind somit auch mit 0% vertreten (weshalb man sie wohl einfach nicht aufgeführt hat).
Auch wenn die Bildung der Eltern ein sehr wichtiger Grundstein für den Bildungsweg der Kinder darstellt - alle Bildung der Eltern hilft überhaupt nichts, wenn sie kein Geld haben eine solche Schulform für ihre Kinder zu finanzieren.
Und nebenbei: Kirchliche Angebote beinhalten dummerweise fast immer den Haken, dass das zu fördernde Kind ebenfalls kirchliche Sichtweisen in Bezug auf Religion einnimmt.
Nur ist der Anteil der Atheisten und Andersgläubige nirgendwo so groß wie in der untersten Schicht der Gesellschaft.
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