Bildungsforscher üben Kritik Lehrer: Überlastet und falsch ausgebildet

In einem Gutachten fordern namhafte Bildungsforscher stärkere Qualitätskontrollen in Schulen und Kindergärten - und mehr Praxis im Lehramtsstudium. Die Lehrer selbst sehen das anders.

Von Tanjev Schultz

Bei der Ausbildung von Lehrern gibt es in Deutschland noch große Defizite. Das beklagt der "Aktionsrat Bildung" in seinem neuen Jahresgutachten, das am Dienstag in München vorgestellt wurde. Die Aus- und Weiterbildung der Pädagogen müsse stärker an den Erkenntnissen der Unterrichtsforschung ausgerichtet werden, heißt es in der Expertise. Die Praxisphasen im Studium sollten weiter ausgebaut werden. Für das Referendariat würden zudem Standards und Evaluationsverfahren fehlen.

Pädagogen - hier eine Friesischlehrerin - sollten sich besser fortbilden können, sagen Bildungsforscher.

(Foto: dpa)

Dem Aktionsrat gehören sieben namhafte Bildungsexperten an, unter anderem die Schulforscher Wilfried Bos, Bettina Hannover und Manfred Prenzel. Vorsitzender des Rats, den die Vereinigung der bayerischen Wirtschaft (vbw) finanziert, ist der Präsident der Universität Hamburg, Dieter Lenzen. Der Rat übe keine Kritik an Lehrern, sondern am System ihrer Ausbildung, sagte Lenzen. Wegen der vielen Veränderungen an den Schulen gebe es bei Pädagogen ein großes "Überlastungsrisiko".

Zwar habe das deutsche Bildungssystem in den vergangenen zehn Jahren seine Reformfähigkeit unter Beweis gestellt. Das Leistungsbewusstsein sei gestiegen, die Testwerte der Schüler hätten sich verbessert und die Unis an Autonomie gewonnen. Doch Lehrer, Dozenten und Professoren hätten "ohne Kompensationen bis an ihre Leistungsgrenze" gehen müssen, sagte Lenzen. Die Politik müsse endlich die Bildungseinrichtungen "entschlossen finanziell und strukturell unterstützen". Sonst werde ein Verlust an Loyalität und Motivation bei den Pädagogen und Wissenschaftlern die Reformanstrengungen zunichte machen.

Deutschland liege bei der Finanzierung in fast allen Bildungsbereichen am unteren Ende der Industrienationen, bemängelte der Aktionsrat. Andere Staaten seien dynamischer, "wir müssen mehr Gas geben", sagte vbw-Präsident Randolf Rodenstock. In seinem Gutachten fordert der Aktionsrat außerdem stärkere Qualitätskontrollen für Bildungseinrichtungen, beispielsweise "Gütesiegel" für Kindergärten und regelmäßige Schulinspektionen.

Besonders kritisch betrachten die Autoren die Organisation der Lehrerausbildung. Diese sei in Deutschland ein "sehr diffuses Feld". Die starken Unterschiede zwischen Hochschulen und Bundesländern seien ein Mobilitätshindernis. Die Experten plädieren außerdem dafür, das Lehramt an den Grundschulen aufzuwerten und die "hierarchische" Struktur der verschiedenen Lehrämter zu überdenken.

Lehrerverbände reagierten scharf auf Berichte, denen zufolge die Experten die Lehrerschaft angegriffen hätten. Der Aktionsrat verbreite "dümmliche Stammtischparolen über Lehrer", erklärt der Deutsche Lehrerverband. Mit professoraler Geste glaube der Aktionsrat, Lehrern zu geringe Reformfreudigkeit und mangelnde Professionalität vorhalten zu können. Dem Rat sei kritische Selbstreflexion zu empfehlen. Er handle schließlich im Auftrag der Wirtschaft und müsse sich fragen lassen, ob er die Schule nicht zum bloßen Zuliefererbetrieb für die Wirtschaft abrichten wolle.

Dagegen betonte der Aktionsrat bei der Vorstellung des Gutachtens, es gehe ihm ausdrücklich nicht um Lehrerschelte, sondern um eine Verbesserung der Ausbildung und der Angebote zur Fortbildung. Der Philologenverband verwahrte sich indes gegen eine "pauschalisierte Kritik an der deutschen Lehrerausbildung". So seien Mathematiklehrer an den Gymnasien laut einer internationalen Studie sehr gut ausgebildet. Der Aktionsrat sieht Probleme im Mathematikunterricht aber an Grundschulen.

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