Befristete Arbeitsverträge Eine Generation auf Abruf

Immer Höchstleistung, kein Urlaub, keine Kinder: Befristete Arbeitsverträge verändern unser Verhalten - und unsere Gesellschaft. Wie die Unsicherheit eine ganze Generation prägt.

Von Maria Holzmüller

Urlaub. Davon träumt Karin, wenn sie Zeit zum träumen hat. Sie weiß genau, wo sie ihn verbringen will: Argentinien. Eine Route durchs Land hat sie bereits festgelegt, verschiedene Hotels ausgsucht. Auch der Reiseführer ist gelesen. Jetzt fehlen lediglich vier Wochen Zeit. Seit drei Jahren schiebt Karin diese Pläne vor sich her, den Urlaub wird sie aber vermutlich auch dieses Jahr nicht nehmen.

Denn noch mehr als von ihrer Reise träumt Karin von Arbeit. Davon einfach jeden Tag ins Büro gehen zu können, ohne das Gefühl, ständig über Alternativen für die Zukunft nachdenken zu müssen. Karin arbeitet als Designerin bei einem internationalen Mode-Label. Sie hat einen befristeten Vertrag - das kennt sie auch nicht anders.

Seit dem Ende ihres Studiums geht das so. Erst mal einen Vertrag für sechs Monate. Damals war ihre Freude riesig. Dann noch mal zwölf Monate Schwangerschaftsvertretung. Danach war Ende. Dann ein neuer Job. Und wieder ein befristeter Vertrag. Ein Jahr. Dann noch eins. Drei Monate sind noch übrig. Wie es danach weitergeht, weiß die 27-Jährige, die ihren richtigen Namen lieber nicht in den Medien sehen will, noch nicht. Möglich, dass sie ihren Arbeitsplatz behalten kann - möglich auch, dass sie ihn verliert.

Höchstleistung von Anfang an

Also arbeitet Karin weiter auf Hochtouren, sie will Bestleistung bringen um die Personalverantwortlichen zu überzeugen - und das seit ihrem Einstieg ins Berufsleben.

Diese Erfahrung teilen viele Arbeitnehmer, nach jüngsten Erhebungen des Statistischen Bundesamtes ist inzwischen jede zehnte Stelle befristet, bei den Neuinstellungen sogar jede zweite. Eine Entwicklung, die nicht ohne Folgen auf das Arbeitsverhalten bleibt, prognostizieren Arbeitspsychologen.

"Die Ungewissheit raubt mir den Antrieb"

"Ist der Vertrag verlängerbar, werden sich die Arbeitnehmer besonders anstrengen, um in die nächste Runde zu kommen. Wenn sie wissen, die Zeit ist abgelaufen, werden sie wiederum nicht ihr gesamtes Potential aktivieren", sagt Dieter Frey, Professor für Arbeitspsychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Karin versucht derzeit wieder besonders hart zu arbeiten, um sich ihre Vertragsverlängerung mit Leistung zu erkämpfen. "Sicherlich ist das eine Motivation", sagt sie, "aber es laugt mich ungeheuer aus. Und ich habe das Gefühl, die Stimmung könnte jederzeit kippen. Die ständige Ungewissheit, wie es beruflich weitergeht, raubt mir an manchen Tagen komplett den Antrieb."

Gratwanderung der Nerven

Thomas Rigotti, Mitarbeiter am Lehrstuhl für Arbeits- und Organisationspsychologie der Universität Leipzig, kennt diese Gratwanderung. Die Unsicherheit ist das, was am meisten an den Nerven zehrt. Im Rahmen eines europäischen Forschungsprojekts kam er jedoch zu einem überraschenden Ergebnis: "Die Unsicherheit ist in Krisenzeiten bei unbefristet Angestellten genauso groß. Das geht soweit, dass die Arbeitszufriedenheit im Rahmen der Befragung bei Angestellten mit befristeten Verträgen größer war als die bei Festangestellten", sagt er. Das liege vor allem daran, dass die Angestellten mit befristeten Verträgen weniger hohe Erwartungen an ihren Arbeitgeber hätten. Sie wissen von Anfang an, woran sie sind. Rigotti spricht in diesem Zusammenhang von einer "planbaren Unsicherheit".

Tristesse globale

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