Ausbildungspakt ohne Gewerkschaften Der Eklat, den niemand wollte

Die Gewerkschaften boykottieren die Neuauflage des immer schon umstrittenen Ausbildungspaktes. Die Abmachung nutze den Lehrstellen-Suchenden wenig, lautet der Vorwurf.

Von Thomas Öchsner

Für seine Kritiker ist er "ein Marketing-Gag ohne Wirkung", für seine Befürworter ein großer Erfolg: Der Ausbildungspakt, den die Bundesregierung und die Wirtschaftsverbände nun bis 2014 verlängert haben, ist seit seiner Gründung im Jahr 2004 umstritten. Das liegt nicht zuletzt an den Zahlen über den Lehrstellenmarkt, die sich eher positiv, so wie es die Arbeitgeber tun, oder negativ deuten lassen, worin der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) seine Aufgabe sieht. Trotzdem wollte die konservativ-liberale Koalition, dass diesmal den Pakt für mehr Lehrstellen alle unterschreiben. Der Versuch misslang, obwohl sich Kanzlerin Angela Merkel (CDU) am Ende noch selbst in die Verhandlungen einschaltete. Nach einer wochenlangen Kompromisssuche war der Eklat da, den die Bundesregierung unbedingt vermeiden wollte.

Die Gewerkschaften wollen mit dem neuen Ausbildungspakt nichts zu tun haben. Dabei gehe es nur um "schöngerechnete Zahlen".

(Foto: dpa)

Die Bundesagentur für Arbeit (BA) zog am Dienstag eine positive Bilanz zum Ende des Berufsberatungsjahres von Oktober 2009 bis September 2010. Danach zählte die Behörde zum Beginn der neuen Ausbildungssaison 12.300 unversorgte Bewerber - und 19.600 unbesetzte Stellen. Nach dieser Statistik gibt es also sogar einen Stellenüberhang. Die Zahl der gemeldeten Bewerber beläuft sich nach Angaben der BA auf gut 552.000, das sind 3300 weniger als im Vorjahr. Dies liegt in erste Linie an der starken Abnahme der Bewerber in Ostdeutschland. Hier macht sich der Geburtenrückgang besonders bemerkbar. Zugleich ist die Zahl der gemeldeten Ausbildungsstellen leicht gestiegen.

Positiv bewertet die Bundesagentur auch, dass die Zahl der Altbewerber zuletzt kontinuierlich zurückgegangen ist. Noch 154.500, die bereits im Vorjahr leer ausgegangen sind, suchten auch in diesem Jahr eine Lehrstelle. Die Statistik der BA bildet aber nur einen Teil der Wirklichkeit ab, weil sich bei weitem nicht alle Betriebe ihre Lehrstellen melden. Außerdem schalten auch viele Schulabgänger bei der Suche keine Arbeitsagentur ein.

Zieht man die Zahlen der Wirtschaft hinzu, ergibt sich ein anderes Bild: Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) fürchtet, dass dieses Jahr etwa 50.000 Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben. Das Wirtschaftsministerium veröffentlichte gerade eine Umfrage, nach der die Unternehmen sogar für 75.000 Lehrstellen keine geeigneten Kandidaten finden konnten.

Besonders düster sieht es in den neuen Bundesländern aus. Nach einer Umfrage des DIHK hat dort jedes dritte Unternehmen Besetzungsprobleme. Am schlimmsten ist dies in der Gastronomiebranche. Die Stellen gelten als wenig attraktiv, weil dort meist schlecht bezahlt wird, der Umgangston rau ist und abends und am Wochenende gearbeitet wird. "Nicht Stellen, sondern Bewerber sind knapp", sagt DIHK-Präsident Hans Heinrich Driftmann.

Bessere Vorbereitung in der Schule gefordert

Mit dem Ausbildungspakt hat die Wirtschaft nun zugesagt, 60.000 neue, nicht aber zusätzliche Lehrstellen und 30.000 neue Ausbildungsbetriebe zu finden - dieses Angebot steht aber unter einem demografischen Vorbehalt: Die Arbeitgeber wollen warten, wie sich die Schüler- und Bewerberzahlen entwickeln. Auch fordern sie von den Schulen, die Jugendlichen für eine Lehre besser vorzubereiten und die Zahl der Schulabbrecher zu reduzieren.

Die Bündnispartner, zu denen nun erstmals auch die Kulturministerkonferenz und die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung gehören, wollen außerdem die Chancen für schwer vermittelbare Jugendliche und Schüler mit ausländischen Wurzeln verbessern. "Keiner soll verloren gehen", sagte Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP).

Nutzlose "Schauveranstaltung

Derzeit gibt es bei der Ausbildungsquote noch große Unterschiede: Bei deutschen Jugendlichen liegt sie bei 68,2 Prozent, bei Kindern aus Migrantenfamilien bei nur 32,2 Prozent. Geplant ist auch eine "Bildungskette bis zum Ausbildungsabschluss". Dabei werden 30.000 förderungsbedürftige Schüler ab der 7. Klasse bis zum Abschluss der Lehre begleitet.

Den Gewerkschaften reichen diese Zusagen jedoch nicht aus. Der DGB, der den Pakt schon früher als nutzlose "Schauveranstaltung" kritisierte, warf der Regierung vor, sich "von der Wirtschaft ihre Politik ins Blatt diktieren" zu lassen. Der Pakt liefere nur schöngerechnete Zahlen. Nach wie vor bleibe jeder sechste Jugendliche ohne Berufsabschluss. Nach der offiziellen Statistik des Bundesinstituts für Berufsbildung sind dies 1,5 Millionen junge Leute zwischen 20 und 29 Jahren. DGB-Vize Ingrid Sehrbrock sagte: Die Arbeitgeber hätten mit Forderungen, den Jugendarbeitsschutz aufzuweichen, die Verhandlungen torpediert.

Vor allem Gaststätten und Hotels hatten immer wieder beklagt, dass sie früh morgens oder spät abends keine Lehrlinge einsetzen dürfen. Brüderle will hier jedoch nicht eingreifen. "Das steht nicht auf der Agenda", sagte er.