Arbeiten in der Schweiz Zuwachs aus dem Grossen Kanton

Gut 300.000 Tüütschi - Deutsche - leben und arbeiten in der Schweiz. Deren Wirtschaft ist aus Mangel an Fachkräften auf sie angewiesen. Die meisten sind gern gesehen, manche gelten aber auch als lästige Konkurrenz.

Von Wolfgang Koydl

Martin Englert und die Blums sind Deutsche, die in der Schweiz leben. Und sie haben ein Problem - mit der Schweiz. Elke und Robert Blum, die seit fünf Jahren im Kanton St. Gallen wohnen, droht die Abschiebung. Der Grund: Das Ehepaar liegt der schweizerischen Arbeitslosenversicherung auf der Tasche. Im Falle einer unfreiwilligen Heimkehr nach Deutschland würden aus gut 1700 Franken Schweizer Stütze 450 Euro Hartz IV.

Martin Englert drücken keine finanziellen Sorgen, und niemand will ihn aus der Schweiz vertreiben - jedenfalls nicht von Amts wegen. Aber er fühlt sich verfolgt von Schweizern, die, wie er meint, Deutsche nicht leiden können. Er sagt: "Der Spruch: 'Geh doch heim, wenn's dir nicht passt' kann sehr viel Schaden anrichten und zu Depressionen oder Burn-out führen." Englert hat eine Selbsthilfegruppe für unterdrückte deutsche Gastarbeiter gegründet.

Die Blums und Englert sind drei von 300.000 Deutschen, die in der Schweiz Lohn und Brot gefunden haben. Und sie gehören einer verschwindend kleinen Minderheit an. Denn die meisten Zuzügler aus dem "Grossen Kanton" äußern sich als rundum zufrieden mit ihrer neuen Heimat: hohe Gehälter, niedrige Steuern, entspanntes Arbeitsklima, traumhafte Urlaubslandschaften - was will man mehr.

Deutsche findet man mittlerweile in so gut wie allen Branchen und Lebensbereichen: auf dem Bau ebenso wie an der Supermarktkasse, als Ärzte und als Pflegepersonal, an Universitäten und im Top-Management. An erster Stelle stehen laut dem Landesverband Schweiz des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft Facharbeiter, gefolgt von Managern, Ingenieuren und IT-Spezialisten. Nicht mehr so stark gefragt sind Juristen, Sekretärinnen und Mitarbeiter im Gastgewerbe.

Auch die meisten Schweizer sind glücklich mit den deutschen Kollegen. Denn sie sind vorbildliche Arbeitskräfte: Sie sind fleißig, integrieren sich meist schnell und sind hervorragend qualifiziert - oft sogar besser als die Schweizer. So sind mehr als 70 Prozent der in der Stadt Zürich lebenden Deutschen voll erwerbstätig, und nur ein Prozent der deutschen Arbeitnehmer bezieht staatliche Leistungen - was den Fall der Blums dann doch stark relativiert.

Die Gründe, aus denen Deutsche in die Schweiz kommen, sind unterschiedlich, wie Daniel Heuer, Vizedirektor der deutsch-schweizerischen Handelskammer in Zürich, erkannt hat. "Es ist die übliche Mischung aus push und pull: Es kann sein, dass ich daheim keine berufliche Zukunft sehe, oder ich höre von einem attraktiven Angebot in Zürich. Meistens ist es eine Kombination aus beidem." Der Sog hält unvermindert an, obschon sich die Zahl der Zuwanderer über die vergangenen Jahre konstant verringert hat: Unterschrieben 2008 noch 31.000 Deutsche einen Arbeitsvertrag bei einem schweizerischen Unternehmen, waren es im vergangenen Jahr nur noch 12.600.

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Mit Feindseligkeiten gegenüber den Teutonen hat dies freilich nichts zu tun. Nach Heuers Worten ist vielmehr eine Sättigung erreicht: "Viele Positionen in der Schweiz wurden seit Einführung des vereinfachten Marktzuganges von 2004 an mittlerweile besetzt. Außerdem gibt es auch in Deutschland wieder mehr Jobmöglichkeiten." Dennoch hat ein Arbeitsplatz in der Schweiz nichts von seiner Attraktivität eingebüßt. So gibt es Berichte, wonach manche deutsche Firmen ihre Mitarbeiter nicht mehr für Kurzaufträge an Schweizer Unternehmen ausleihen - aus Sorge, dass sie sie nicht wiedersehen. Denn oft wurden sie mit Traumgehältern gleich an Ort und Stelle abgeworben.