10. Februar 2013, 11:41 Personalnot in der Pflege "Die Politik ist gefragt, den Beruf aufzuwerten"

Deutschland hat einen prekären Notstand in der Pflege. Gelernte Kräfte gehen in Frührente oder ins Ausland, der Nachwuchs fehlt. Pflegeprofessor Frank Weidner über das problematische Klischee der sich aufopfernden Krankenschwester - und tatsächliche Aufstiegschancen im Beruf.

Von Miriam Hoffmeyer

In "Pflegethermometer"-Studien untersucht das Deutsche Institut für angewandte Pflegeforschung (dip) regelmäßig die Arbeitsbelastung von Pflegern in Krankenhäusern. Die Politik müsse den Beruf aufwerten, sagt Frank Weidner, Leiter des dip.

SZ: In Krankenhäusern können 3000 Vollzeitstellen für Krankenpfleger nicht besetzt werden. Wird sich der Mangel noch verschärfen?

Frank Weidner: Ja, der Markt ist leer gefegt. In Ballungsräumen werben die Krankenhäuser einander die Pflegekräfte ab. Zugleich geht weiter Personal verloren: Die Frühverrentungsraten bei Pflegern sind doppelt so hoch wie beim Durchschnitt aller Berufe. Und jedes Jahr gehen Pflegekräfte ins Ausland, wo der Beruf besser angesehen und bezahlt ist.

Wie lässt sich dieser Prozess stoppen?

Sehr wichtig wäre es, Ältere länger im Beruf zu halten. In Deutschland wird bisher wenig dafür getan. In Skandinavien gibt es dagegen Programme, um die Kompetenz und Erfahrung älterer Pflegekräfte zu nutzen. Sie müssen keine Nachtdienste mehr machen, sind stärker in der Beratung von Patienten und Angehörigen tätig oder kümmern sich um Demenzkranke, deren Zahl in den Krankenhäusern wächst. Nötig sind auch mehr attraktive Angebote zum Wiedereinstieg für Mütter. Die Mehrheit der Krankenpflegerinnen arbeitet in Teilzeit, da gibt es große Reserven.

Die meisten wollen keine Vollzeitstellen.

Alle, die es sich finanziell irgendwie leisten können, gehen in Teilzeit. Für Krankenhäuser hat das auch Vorteile, weil Teilzeitbeschäftigte flexibler einsetzbar sind. Aber wenn die Bedingungen besser wären, würden mehr Vollzeit arbeiten wollen. Das kostet natürlich Geld. Krankenhäuser können das Problem nicht allein lösen, dürfen sich aber nicht aus der Verantwortung stehlen.

Von den Krankenpflegeschulen kommt zu wenig Nachwuchs, woran liegt das?

Zwischen 2000 und 2010 haben die Krankenhäuser 15 Prozent der Ausbildungsplätze in der Pflege abgebaut, das rächt sich jetzt. Und in Deutschland existiert noch das verklärte Idealbild der sich aufopfernden Krankenschwester. Über die Chancen, die dieser Beruf bietet, ist zu wenig bekannt.

Chancen? Welche denn?

Wer heute in die Pflege geht, hat mehr Möglichkeiten als früher. Wir waren bei den Studien überrascht, wie viel Verantwortung etwa Intensivpfleger haben: Sie entscheiden über die Steuerung von Beatmungsmaschinen oder die Versorgung von Wunden. Die Pflege ist ein interessanter Beruf, der Kopf, Herz und Hand fordert. Nach ein paar Jahren kann man Leitungsaufgaben übernehmen oder Pflegewissenschaft studieren. Deutschlandweit gibt es 5000 Studienplätze. Als ich meine Krankenpfleger-Ausbildung begonnen habe, hätte ich jeden für verrückt erklärt, der mir gesagt hätte, dass ich Pflegeprofessor werde!

Wenn alle Professor werden, löst das kaum die Probleme in Krankenhäusern.

Natürlich müssen nicht alle studieren. Aber in 25 von 27 EU-Ländern müssen Pflegende einen Schulabschluss haben, der dem Abitur entspricht. Ich finde das richtig, denn Pflegende müssen heute komplexe Vorgänge steuern, viel dokumentieren und anspruchsvolle Technik bedienen. Trotzdem gilt immer noch unausgesprochen: Pflegen kann jeder. Die Politik ist gefragt, den Beruf aufzuwerten.