Viagra Befreiung aus der Schmuddelecke

Vor 20 Jahren kam Viagra auf den Markt.

(Foto: dpa)

Viagra bietet nicht nur diskrete Hilfe für ein tabuisiertes Leiden. Das Potenzmittel leistet auch einen Beitrag zum Artenschutz.

Kommentar von Werner Bartens

Entgegen anders lautenden Vorurteilen befindet sich auch beim Mann das größte Geschlechtsorgan nicht zwischen seinen Beinen, sondern zwischen seinen Ohren. Wenn also die Lust verkümmert ist oder andere psychische Hemmnisse im Wege stehen, nützt auch eine wohldosierte pharmakologische Aufbauhilfe nichts. Es wird sich einfach keine Erektion einstellen.

Anders verhält es sich bei Männern, die zwar gerne wollen, aber vor vagabundierender Aufregung, mit in die Jahre gekommenen Blutgefäßen oder aus anderen Gründen gerade nicht können. Der alternde, weiße Mann hat zwar derzeit nicht gerade ein glänzendes Image, doch mit der Zulassung von Viagra vor 20 Jahren bekamen Millionen - oftmals schon etwas reifere - Männer die Möglichkeit, Lust, Triebe und körperliche Liebe wieder in einer erfüllten Sexualität vereinigt zu erleben.

Die kleinen, blauen Pillen sind eine zwar nicht lebenswichtige, aber lebenslustige Beihilfe

Sildenafil, so der pharmakologische Name, wurde in den 1990er-Jahren zwar ursprünglich als Herzmedikament und zur Linderung von pulmonalem Hochdruck entwickelt. Es war daher eine unerwartete Nebenwirkung, dass die Substanz ganz woanders Druck aufbaute und damit manchem Mann das Herz erleichterte. Nachdem Viagra 1998 auf den Markt gekommen war, trug das Mittel entscheidend dazu bei, die erektile Dysfunktion - umgangssprachlich Impotenz genannt - und den Umgang damit aus der medizinischen wie gesellschaftlichen Schmuddelecke zu befreien.

Zwar ist das Thema Impotenz immer noch weitgehend tabuisiert und wird wahlweise belächelt oder prüde ignoriert. Wer sich vergegenwärtigt, wie sich Männer in der Zeit vor Viagra von einer weitgehend hilflosen Medizin mit hydraulischen Apparaturen, Vakuumvorrichtungen und Ballonpumpen traktieren ließen oder auf windige Angebote von Quacksalbern setzten, um zur Erektion zu kommen, kann nachvollziehen, welche Erleichterung die diskrete, effektive Einnahme einer kleinen, blauen Tablette gebracht hat. Das hat nichts mit Sex auf Knopfdruck oder Doping im Bett zu tun, sondern mit einer zwar nicht lebenswichtigen, aber lebenslustigen Beihilfe.

Auch wer nachlassende Manneskraft für ein unvermeidliches natürliches Ereignis hält, das die Herren gefälligst demütig zu ertragen und nicht pharmakologisch hinauszuzögern haben, wird Viagra einen weiteren Nutzen nicht absprechen können. Nicht nur soll das Medikament Schnittblumen länger frisch halten (das kann Aspirin angeblich auch), es ist auch das einzige Arzneimittel, das bedrohte Tierarten schützt. Seit sich die Wirksamkeit von Viagra herumgesprochen hat, werden weniger Nashörner, Tiger und andere Lebewesen gejagt, um sie zu Potenzmitteln zu verarbeiten.

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