Vernachlässigte Kinder Beschädigte Seele, geschwächter Körper

Kinder, die von den Eltern vernachlässigt werden, haben nicht nur eine dauerhaft beschädigte Seele, sondern leiden später auch unter körperlichen Problemen. Die physische Widerstandskraft bleibt zeitlebens geschwächt.

Von Werner Bartens

Manche Wunden verheilen nie. Wer in der Kindheit von seinen Eltern chronisch lieblos behandelt wurde, vernachlässigt oder geschlagen, der hat oft ein Leben lang unter den Nachwirkungen zu leiden. Aggressives Verhalten und Konzentrationsmangel sind häufig die Folge, aber auch Angststörungen, depressive Verstimmungen und andere psychische Erkrankungen treten vermehrt auf. Im Alltag zeigt sich immer wieder, wie brüchig das Fundament aus Kindertagen ist: Wenn aus den vernachlässigten Kindern Erwachsene geworden sind, können sie mit Stress und anderen Belastungen meist nicht gut umgehen. Kleine Konflikte können zur existenziellen Krise ausarten.

Mangelnde Zuwendung und ruppiger Umgang in der Kindheit wirken sich dabei nicht nur auf das seelische Stützkorsett aus, auch körperliche Spuren finden sich oft noch Jahre später. Psychologen aus den USA zeigen im Fachblatt PNAS (online) der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften, wie sich die Folgen früher Entsagungen im Organismus nachweisen lassen. Das Team um Gregory Miller von der Northwestern University in Evanston konnte belegen, dass die Entzündungswerte im Blut von vernachlässigten Jugendlichen dauerhaft erhöht sind. Ein Effekt, der sich der Studie zufolge zugleich deutlich und langfristig verringern ließ, wenn die Eltern und deren Kinder vor der Pubertät sieben Wochen lang psychosoziale Unterstützung bekamen.

Ein paar Stunden psychosoziales Training konnten den negativen Effekt deutlich verringern

Mehr als 270 alleinerziehende, farbige Mütter aus dem ländlichen Georgia, die größtenteils unter der Armutsgrenze lebten, nahmen an der Studie teil. Zu Beginn der Untersuchung waren ihre Kinder elf Jahre alt. Eine Stunde pro Woche bekamen Mütter wie Kinder getrennt voneinander in Kleingruppen psychologischen Beistand. Den Müttern wurde geraten, sich in die Rolle der Kinder zu versetzen, ihre Bedürfnisse zu erspüren und danach zu fragen, was sie stört und beschäftigt - und natürlich schreien und schlagen zu unterlassen. Den Kindern wurde nahegelegt, sich Ziele zu setzen, sich an Vereinbarungen zu halten und ihren Wert anzuerkennen.

Nach dem Ende dieser Intervention wurde deutlich, dass Zytokine, die Botenstoffe des Immunsystems, bei vernachlässigten Jugendlichen in fast doppelt so hoher Konzentration vorlagen wie bei jenen, die psycho-sozial betreut wurden und konstruktive Verhaltensempfehlungen bekamen. Interferon gamma, Interleukin 10, Interleukin 6 und TNF-alpha waren dauerhaft hochreguliert. Erstaunlicherweise hielt die Wirkung lange an. Auch acht Jahre später, mit nunmehr 19, waren die Entzündungswerte in der Gruppe, die nicht unterstützt wurde, noch deutlich erhöht.

"Viele Gesundheitsprobleme bei Kindern wie Erwachsenen gehen mit starken Entzündungsreaktionen einher", sagt Miller. "Bei Diabetes, Herzerkrankungen, Allergien und manchen Krebsformen spielen sie eine wichtige Rolle." Das Entzündungsgeschehen ist nicht auf eine Infektion mit einem Erreger zurückzuführen, sondern chronischer Stress und andere Belastungen halten das körpereigene Abwehrsystem auf Hochbetrieb.

Da die Immunzellen und Botenstoffe nicht gegen einen spezifischen Feind ankämpfen, aber dauerhaft in hohen Konzentrationen vorliegen, richten sie sich irgendwann gegen den eigenen Körper und begünstigen Arterienverkalkung mit den möglichen Folgen Infarkt und Schlaganfall. Asthma, Bluthochdruck und Entgleisungen des Stoffwechsels, die zur Zuckerkrankheit führen können, werden ebenfalls durch Entzündungen angestoßen.

"Das psychosoziale Training hat am meisten bei denen gebracht, die am stärksten benachteiligt waren", sagt Miller. Er sieht Politiker wie Ärzte in der Verantwortung, mit entsprechenden Programmen seelisches wie körperliches Leid von jenen abzuwenden, die sowieso am unteren Ende der Einkommens- und Bildungsskala stehen.

"Armut ist auch in unserem Land immer noch der wichtigste Risikofaktor für eine schlechte Entwicklung des Kindes", betont Karl Heinz Brisch, Leiter der Psychosomatik am Haunerschen Kinderspital der Uni München. Bindungsforscher haben längst belegt, wie Zuwendung und ein kindgerechter Umgang die kognitive, psychosoziale und eben auch körperliche Entwicklung stimulieren. Umgekehrt bleibt nach Missbrauch, Vernachlässigung oder in lieblosen Verhältnissen die seelische wie physische Widerstandskraft zeitlebens geschwächt.