Übertreibungen in der Medizin Die Wunderheiler

Alzheimer: So gut wie besiegt. Krebs: Gibt es bald nicht mehr. Viele Erfolgsmeldungen aus der Medizin sind gnadenlose Übertreibungen. Schuld daran sind meist nicht Medienberichte, sondern die Institute und Forscher selbst. Dafür haben sie handfeste Gründe.

Von Werner Bartens

Wir leben in einer herrlichen Epoche: Der Durchbruch in der Krebstherapie ist geschafft, außerdem gibt es endlich eine Behandlung gegen Alzheimer. Mit Hilfe von Stammzellen und individualisierter Medizin werden auch Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes und bestimmt auch Multiple Sklerose, Parkinson und eine Menge Tumoren bald ihren Schrecken verlieren. Goldene Zeiten für die Medizin brechen an, ein warmer Regen an Heilerfolgen für Patienten - zumindest, wenn man Berichten in Presse, Funk und Fernsehen Glauben schenkt.

Die Euphorie ist fast immer verfrüht und die Sensationsmeldungen sind übertrieben. Zum Leidwesen von Ärzten wie Patienten gilt vielmehr die Regel: Von einem "Durchbruch" in der Medizin zu sprechen, ist nur alle Jubeljahre gerechtfertigt - es sei denn, es handelt sich um einen Magendurchbruch. Verantwortlich für die vielen aufgeblasenen Erfolgsgeschichten sind jedoch entgegen vorherrschender Meinung nicht in erster Linie Journalisten, die nach einer reißerischen Schlagzeile gieren, sondern die Ärzte und Wissenschaftler selbst. Eine Analyse im British Medical Journal von diesem Mittwoch kommt zu dem Schluss, dass Forscher ihre Ergebnisse übertreiben und die Pressemeldungen aus den Kliniken und Instituten bereits jene prahlerischen Prognosen enthalten, die falsche Hoffnungen wecken (Bd. 349, S. g7015).

Vier von zehn Pressemitteilungen enthielten Gesundheitstipps, die mit den Daten wenig zu tun hatten

Ein Team um Petroc Sumner von der Universität Cardiff hat 462 Pressemeldungen von 20 führenden britischen Universitäten untersucht und mit fast 700 Berichten in Medien aus Großbritannien abgeglichen. Das Ausmaß, in dem Kliniken und Forschungseinrichtungen ihre Befunde aufbauschten, war enorm: So wurden in 40 Prozent der Nachrichten Ratschläge zum gesünderen Leben gegeben oder die Menschen dazu aufgefordert, ihr Verhalten zu ändern, was sich aus den Daten nicht ableiten ließ. In einem Drittel der Beispiele wurde ein ursächlicher Zusammenhang zwischen Dingen behauptet, die lediglich gemeinsam auftraten. Und in 36 Prozent der Berichte fanden sich Aussagen zu Diagnostik und Therapie, für die es keine andere Grundlage als Tierversuche gab.

Das Problem ist keineswegs trivial, denn die Übertreibungen werden von vielen Medien übernommen, wie die Analyse ebenfalls zeigte. Patienten richten ihre Entscheidungen für oder gegen eine Therapie häufig nach Medienberichten. Bekannt ist beispielsweise die übertrieben positive Darstellung des Brustkrebsmedikaments Herceptin, dessen Nebenwirkungen zumeist kaum erwähnt wurden.

Forscher sonnen sich gerne in Erfolgsmeldungen

Die Publikumsmedien sind aber selten Urheber der Übertreibung: Fand sich keine übermäßige Zuspitzung in den Presseerklärungen der Institute, kamen Zeitungen und Rundfunk nur in 18 Prozent der Fälle auf die Idee, die Forschung in ihrer Bedeutung zu überhöhen. "Dass Ergebnisse aufgeblasen und überverkauft werden, findet nicht primär in den Medien statt", sagt Petroc Sumner. "Die Übertreibungen finden sich vielmehr bereits in den Texten, die von den Akademikern und ihrem Umfeld produziert werden." Die Tendenz, wissenschaftliche Befunde glamouröser darzustellen als sie sind, geht nach Ansicht der Autoren auf steigende Konkurrenz der Universitäten und Institute zurück. Die Neigung zur Selbstdarstellung unter Forschern nimmt zu - und trifft im ungünstigen Fall auf übereifrige PR-Abteilungen an ihren Instituten und dann auf Journalisten, die unter Zeitdruck immer mehr Geschichten liefern müssen.

Ben Goldacre, Forscher an der London School of Hygiene and Tropical Medicine und Autor des Bestsellers "Bad Science" (auf Deutsch: "Die Wissenschaftslüge"), fordert in einem begleitenden Kommentar, dass die Presseerklärungen der Forschungsinstitute als Teil der wissenschaftlichen Publikation verstanden werden sollten. Wenn sich die Forscher dafür verantwortlich fühlten und mit Hilfe eines Links Originaldaten und Fachveröffentlichung eingesehen werden könnten, ließen sich Behauptungen nachverfolgen. Zudem müssten Gutachter, die darüber entscheiden, ob ein Fachartikel erscheint, auch die zugehörige Presseerklärung beurteilen.

"Auf diese Weise würde eine Spur gelegt, mit der sich Behauptungen nachvollziehen lassen", sagt Goldacre. "Wissenschaftler wie auch Gutachter stünden dann in der Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit - vielleicht ändert sich dann das Verhalten der Akademiker, und sie würden zukünftig verhindern, dass Patienten wie Laien routinemäßig in die Irre geführt werden."