Therapien bei ADHS Elterntraining statt Tabletten

Viele Eltern von ADHS-geplagten Kindern suchen nach Alternativen zum Ritalin. Es gibt psychotherapeutische Angebote. Doch ihr Nutzen ist kaum nachgewiesen - und wer auf einen Therapieplatz hofft, muss lange warten.

Von Berit Uhlmann

Die Zahl wirkt gewaltig. Mehr als zwei Millionen Packungen Ritalin verordneten deutsche Ärzte nach einer Hochrechnung der Barmer GEK allein im Jahr 2011. Das entspricht 68 Millionen Tagesdosen - und scheint auf den ersten Blick das Vorurteil zu bestätigen, Ärzte würden reflexhaft zum Rezeptblock greifen, um die echten oder vermeintlichen Zappelphilipps der Nation mit der simpelsten Methode ruhigzustellen.

Doch nach den Barmer-Daten erhält nur knapp jedes zweite Kind mit der Diagnose ADHS das umstrittene Medikament. Und während für die Pillen Wirknachweise vorliegen, ist die Evidenz für ihre Alternativen begrenzt. "Eine Psychotherapie kann ein Kind mit gesicherter ADHS-Diagnose nicht heilen", sagt Maik Herberhold, Vorsitzender des Berufsverbands für Kinder- und Jugendpsychiatrie: "Die Kernsymptome Konzentrationsschwäche und Impulsivität werden durch die Behandlung beim Therapeuten kaum besser."

Davon zeugt auch eine aktuelle Metaanalyse, die dieser Tage im American Journal of Psychiatry (online) erschienen ist. Die Wissenschaftler um Edmund Sonuga-Barke von der University of Southampton sichteten die Fachliteratur zu Verhaltenstherapien, bei denen Kinder oft gemeinsam mit den Eltern angemessene soziale Umgangsformen einüben sollen. Einzelne Studien hatten in der Vergangenheit durchaus ermutigende Resultate erbracht; die Eltern gaben an, dass die Behandlung ihren Kindern geholfen habe. Doch in der aktuellen Studie schauten die Forscher vor allem jene Untersuchungen an, bei denen das Verhalten der Heranwachsenden von Außenstehenden beurteilt wurde, die von der Behandlung nichts wussten. Bei solch unvoreingenommener Betrachtung blieb von der Wirkung nichts mehr übrig.

Das gleiche Phänomen zeigten die Forscher für kognitive Trainings, mit denen Aufmerksamkeit und Gedächtnis geschult werden sollen. Nur wenn die Einschätzung von den - offenbar erwartungsvollen - Eltern oder Behandlern stammte, war ein Effekt feststellbar. Ähnlich verhielt es sich beim Neurofeedback, einer recht jungen Methode. Dabei sehen Erkrankte ihre Gehirnströme, was ihnen ein besseres Gefühl für die Stärke ihrer Konzentration vermitteln soll. Nach der aktuellen Metaanalyse sprechen die Forscher dem Neurofeedback eine "tendenziell bedeutsame Wirkung" zu; sie fanden aber keinen sicheren Beleg für den Nutzen der Methode.

Haben die zeit-und kostenintensiven Behandlungen damit überhaupt einen Sinn? Immerhin verursachen Psycho- und Ergotherapien die mit Abstand größten Kosten in der Behandlung der Aufmerksamkeitsstörung, wie die Techniker Krankenkasse vor Kurzem vorrechnete.