Süchtig nach TV-Serien Glotzen bis zum Morgengrauen

Streaming-Portale könnten die Seriensucht noch fördern.

(Foto: Andrew Harrer/Bloomberg)

Fünf Stunden am Stück sind keine Seltenheit: Exzessives Serienschauen ist wohl nicht so harmlos wie gedacht. Hinter der Seriensucht können sich schwerwiegende psychische Probleme verbergen.

Von Hanno Charisius

Starke Seriensucht ist möglicherweise ein Hinweis auf schwerwiegende psychische Probleme. Durch Umfragen unter 18- bis 29-Jährigen fand die Kommunikationswissenschaftlerin Wei-Na Lee von der University of Texas in Austin heraus, dass einsame und deprimierte Menschen zum vermehrten Fernsehkonsum neigen. Dadurch könnten sie vermutlich die negativen Gefühle besser verdrängen, schreiben Lee und ihre zwei Mitarbeiterinnen in einer Mitteilung. Ihre vollständigen Daten werden die Forscherinnen erst im Mai auf einer Konferenz in Puerto Rico vorstellen.

Besonders gefährlich ist offenbar die Kombination aus fesselnden Fernsehserien und einer geringen Selbstkontrolle. Solchen Probanden fiel es besonders schwer, auf die nächste Folge zu verzichten, selbst wenn sie andere Aufgaben zu erledigen hatten. "Bislang wurde Seriensucht als harmlos eingestuft", sagt Lees Mitarbeiterin Sung. "Unsere Studie zeigt, dass dies nicht so ist." Müdigkeit, Übergewicht und andere Gesundheitsprobleme würden bereits jetzt mit exzessivem Serienschauen in Verbindung gebracht. "Das ist ein neues soziales Phänomen, das besser erforscht werden muss."

75 Prozent der befragten 316 Versuchsteilnehmer gaben an, gelegentlich bis zu drei Stunden lang Fernsehserien zu schauen. Fast 14 Prozent können mitunter fünf Stunden lang nicht aufhören, auf "nächste Episode" zu klicken. Nur etwa zwei Prozent der Befragten gaben an, bis zu sieben Stunden lang vor dem Bildschirm zu sitzen. Etwa die Hälfte der Studienteilnehmer verteilt den Serienkonsum auf drei Sitzungen im Monat, fast 20 Prozent können sechsmal pro Monat nicht abschalten. Nur zwei von zehn Befragten schauen in Gesellschaft Episode für Episode.

Die Forscherinnen, die nach eigenen Angaben selbst süchtig nach Serien sind, glauben, dass vor allem Streaming-Portale wie Netflix oder Watchever dieses Verhalten fördern, weil sie den massenhaften Episoden-Konsum besonders einfach machen. In den USA beginnen inzwischen auch klassische Fernsehsender, ihre Serien online zu vermarkten. Lee hofft, dass sie Fördermittel bekommt, um mit einer größeren Studiengruppe der Frage nachzugehen, ab welchem Punkt Serienschauen zu einer ernsten Gefahr für die psychologische Verfassung eines Menschen wird und ob auch andere Altersgruppen davon betroffen sind.