Studie Fast ein Drittel der Bundesbürger hat in der Kindheit Gewalt erlebt

Sexueller Kindesmissbrauch ist weiterhin ein Problem in Deutschland.

(Foto: dpa)
  • 2010 gaben noch 35,5 Prozent der Befragten an, körperliche, sexuelle oder emotionale Gewalt erlebt zu haben. Aktuell sind es noch 30,8 Prozent.
  • Auffällig ist der Anstieg emotionaler Gewalt - darunter werden Demütigung, extreme Gefühlskälte und Vernachlässigung verstanden.
Von Werner Bartens

Auf den ersten Blick klingt es nach einer erfreulichen Nachricht: Aktuell geben weniger Menschen als noch vor sechs Jahren an, in ihrer Kindheit eine Form der Misshandlung erlebt zu haben. Waren es 2010 noch 35,5 Prozent der Befragten, die von körperlichem, sexuellem oder emotionalem Missbrauch berichteten, sind es aktuell noch 30,8 Prozent - und damit immer noch fast ein Drittel der heute Erwachsenen, wie aus einer am Donnerstag veröffentlichten Untersuchung des Uniklinikums Ulm hervorgeht.

Auffällig ist allerdings der Anstieg der Angaben zu emotionaler Misshandlung von 4,6 auf 6,5 Prozent - darunter werden Demütigung, extreme Gefühlskälte und Vernachlässigung verstanden. Die Forscher führen dies unter anderem darauf zurück, dass heute über emotionale Belastungen und generell über Misshandlung eher gesprochen werde. Zudem gebe es "ein anderes gesellschaftliches Bewusstsein darüber, dass ein solcher Umgang mit Kindern nicht in Ordnung ist", so die Ulmer Mediziner. Unter Fachleuten gelten die Spätfolgen von emotionaler Gewalt als mindestens so schlimm wie jene nach körperlichen oder sexuellen Übergriffen.

Nicht beantwortet zu werden, keine Reaktion im Gegenüber auszulösen, ist für das soziale Wesen Mensch offenbar besonders verletzend und kränkend. Schon länger ist bekannt, dass nicht nur Angst, Panikattacken und Depressionen häufiger vorkommen, wenn Menschen emotionale Gewalt erleiden mussten, sondern dass sie auch anfälliger sind für Infektionen und andere Krankheiten.

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Die Zahlen für körperlichen und sexuellen Missbrauch haben sich seit 2010 nicht wesentlich verändert. 6,7 Prozent der Teilnehmer gaben in der aktuellen Umfrage an, sie seien in ihrer Kindheit körperlich misshandelt worden. 7,5 Prozent erlebten demnach sexuellen Missbrauch. Die Werte liegen damit im Vergleich zur Vorgängerstudie annähernd genauso hoch. Ob ein Übergriff aus strafrechtlicher Sicht als "minderschwer" oder schwer gilt, hat wenig mit dem späteren Leid der Betroffenen zu tun. Auch vermeintlich leichtere Formen des Missbrauchs können subjektiv zu einer massiven Belastung und jahrelangen psychischen wie körperlichen Beeinträchtigungen führen.

Zu den Folgen gehören selbstverletzendes Verhalten, Suizidalität und körperliche Erkrankungen im späteren Leben

"Entwarnung kann nicht gegeben werden - wir brauchen auch in Zukunft intensive Bemühungen um bessere Prävention und Intervention zum Wohle der Betroffenen", sagt Jörg Fegert von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Uniklinikum Ulm. Für viele Menschen seien Belastungen durch Vernachlässigung, Misshandlung und sexuellen Missbrauch mit psychischen und sozialen Spätfolgen wie Angst, Scham und Rückzug verbunden. Auch selbstverletzendes Verhalten, Suizidalität, Schmerzen und körperlichen Erkrankungen im späteren Leben können die Folge sein.

Befragt wurden im vergangenen Jahr rund 2500 Menschen zwischen 14 und 94 Jahren, das Durchschnittsalter betrug etwa 50 Jahre. Die Ergebnisse wurden mit einer ähnlichen Untersuchung der Universität Leipzig von 2010 verglichen. Als zentrale Botschaft zu den Misshandlungsformen sehen die Ulmer Wissenschaftler, dass die Angaben zu körperlicher Misshandlung und sexuellem Missbrauch in der deutschen Bevölkerung - auch sechs Jahre nach der verstärkten Debatte über Kinderschutz - mindestens gleichbleibend hoch sind. Bei emotionaler Misshandlung ist sogar ein Anstieg der Angaben zu beobachten.

Immerhin gibt es auch gute Nachrichten: Die körperliche Vernachlässigung ist von 28,8 Prozent im Jahre 2010 auf aktuell 22,5 Prozent deutlich zurückgegangen. Auch deshalb nimmt der Anteil der Befragten, die Angaben zu irgendeiner Form von Misshandlung gemacht haben, von 35,5 auf 30,8 Prozent ab. Bei emotionaler Misshandlung wie auch bei sexuellem Missbrauch war der Anstieg beziehungsweise die Stagnation vor allem im Rahmen der Befragung von Mädchen und Frauen abzulesen.

Der Rückgang der körperlichen Vernachlässigung geht hingegen offenbar mit steigendem Wohlstand einher. Die extrem hohen Werte, die von Kindern der Kriegsgeneration stammen, also den heute über 65-Jährigen, ist in den vergangenen sechs Jahren von 46,3 auf 38,4 Prozent zurückgegangen. Zum Vergleich: Die heute 14- bis 25-Jährigen geben glücklicherweise "nur" noch zu 12,7 Prozent an, in ihrer Kindheit körperlich vernachlässigt worden zu sein.

Die Tatsache, dass die Häufigkeitsangaben zu körperlicher Misshandlung und auch zu sexuellem Missbrauch statistisch betrachtet zumindest gleich geblieben sind, überraschte das Team um Jörg Fegert. Die Forscher hatten einen Rückgang bei sexuellem Missbrauch erwartet, da sowohl in der polizeilichen Kriminalstatistik als auch in Untersuchungen des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen aus den Jahren 1997 und 2011 ein Rückgang beobachtet wurde.

Allerdings erfassen diese Angaben andere Gegebenheiten: Die polizeiliche Kriminalstatistik beschreibt nur das "Hellfeld", das heißt die zur Anzeige gelangten Taten. In einer Befragung kann hingegen auch das so genannte "Dunkelfeld" erfasst werden, das heißt die Zahl derjenigen, die betroffen sind, die aber nur zu einem geringen Teil Strafanzeige gestellt haben.

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