Prostata-Krebs Abwarten statt unters Messer

Viele Männer bekommen Angst, wenn sie die Diagnose Prostata-Krebs hören - und wollen so schnell wie möglich operiert werden. Eine neue Studie zeigt allerdings, dass die OP bei der überwältigenden Mehrheit nutzlos ist, dafür aber gravierende Nebenwirkungen hat.

Von Werner Bartens

Nach dem unnötigen Test folgt die unnötige Operation. Auch wenn der Eingriff gut verläuft, sind hinterher viele Männer impotent oder inkontinent. So könnte man eine große Studie amerikanischer Urologen verstehen, die womöglich dazu beiträgt, dass ihre Kollegen künftig seltener zum Skalpell greifen - und damit vielen Männern unnötiges Leid ersparen. Im aktuellen New England Journal of Medicine zeigen Ärzte um Timothy Wilt, dass die chirurgische Entfernung der Prostata bei lokalem Krebs kein Leben rettet (Bd. 367, S. 203, 2012). Wer an dem begrenzten Tumor leidet, lebt ohne Behandlung genauso lange.

"Viele Männer bekommen Angst, wenn sie die Diagnose Prostata-Krebs hören", sagt Wilt, der an der Minnesota School of Medicine in Minneapolis tätig ist. "Sie denken, dass sie an dem Tumor sterben, wenn sie nicht therapiert werden. Unsere Daten zeigen jedoch eindeutig, dass dies nicht stimmt. Die überwältigende Mehrheit wird nicht an der Krankheit sterben, wenn sie unbehandelt bleibt."

Für ihre Studie, die im renommiertesten medizinischen Fachblatt der Welt erschienen ist, haben die Urologen 731 Männer untersucht, die an einem auf die Vorsteherdrüse begrenzten Krebs litten. Nach dem Zufallsprinzip wurde bei der Hälfte die komplette Prostata entfernt, während bei der anderen Hälfte der weitere Krankheitsverlauf ohne Therapie begleitet wurde. Nach einer Beobachtungsdauer von bis zu 15 Jahren ließ sich kein Vorteil für operierte Männer erkennen: Weder starben mehr Männer in der Gruppe, die nicht unters Messer kam, aus anderen Gründen, noch gab es ohne Behandlung mehr Todesfälle durch den Prostatakrebs.

"Diese Ergebnisse verändern die Spielregeln", sagt Leonard Marks, Urologe an der University of California in Los Angeles. "Die Studie zeigt eindrucksvoll, dass heutzutage eine Menge Prostata-Tumore diagnostiziert werden, die nicht gefährlich sind." In den USA leiden mehr als zwei Drittel aller Männer mit der Diagnose Prostata-Krebs an einer wenig aggressiven Frühform, die auf die Drüse begrenzt ist. Zumeist wird die Diagnose nach dem umstrittenen Bluttest auf prostataspezifisches Antigen (PSA) gestellt, auf den feingewebliche Untersuchungen folgen. Der PSA-Test ist ungenau und entdeckt so viele Tumore, von denen die Männer nie etwas bemerkt hätten. Deshalb haben sich Fachorganisationen - wie zuletzt die US Preventive Services Task Force im Mai 2012 - immer wieder gegen das Screening ausgesprochen.

In dem langen Beobachtungszeitraum der Studie starben nur 7,1 Prozent der mit Krebs diagnostizierten Männer an dem Tumor, wobei es keine statistisch relevanten Unterschiede zwischen der operierten und der nicht behandelten Gruppe gab. Lediglich jenen Männern, die ein entdifferenziertes und damit aggressiveres Karzinom sowie einen deutlich erhöhten PSA-Wert oberhalb von 10 Nanogramm pro Milliliter aufwiesen, bot die Operation Vorteile. "Die Mehrheit der Tumore, die man findet, müsste nicht gefunden werden", sagt Ian Thompson von der Universität San Antonio. "Screening, Diagnostik und Therapie müssen sich auf die Krebsformen konzentrieren, die wirklich zählen."

Schwierige Abwägung

In Deutschland werden zwar auch viele "opportunistische PSA-Tests" angeboten, wie Jürgen Gschwend die Diagnostik ohne medizinischen Anlass nennt. Trotzdem sei der Anteil milder Frühformen des Prostata-Krebses hier geringer, vermutet der Direktor der Urologie am Klinikum der Technischen Universität München. "Die Abwägung zwischen aktiver Beobachtung und Operation ist schwierig", sagt Gschwend. "Komplexe Aufklärung ist in diesem Fall extrem wichtig." Zwar führe die US-Studie auf den ersten Blick zu einer "enttäuschenden Bewertung der Operation", doch aus einem Tumor mit geringem Risiko bei einem 55-Jährigen könne zehn Jahre später eben auch ein aggressiver Krebs werden.

Etliche Männer sagen sich, dass sie nicht mit einem Tumor leben wollen und wählen gleich die Operation. Andere warten ab in dem Wissen, dass sich die meisten Prostata-Tumore nie bemerkbar machen - und dass sogar in einem auf die Operation spezialisierten Zentrum wie der Urologie der TU München nach dem Eingriff bis zu 30 Prozent der Männer impotent und 5 Prozent inkontinent sind.