Palliativmedizin Stiefkind der Medizin

Kerze und Blumenvase in der Palliativstation des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder am Südlichen Schloßrondell in München.

(Foto: Catherina Hess)

"Wir können nichts mehr für Sie tun": Dieser Satz sollte aus dem Sprachschatz von Ärzten gelöscht werden, denn die Palliativmedizin hat sehr wohl noch Möglichkeiten. Sie gehört daher ins Zentrum der Heilkunde.

Ein Gastbeitrag von Norbert Schmacke

Palliativmedizin dient vordergründig dem Schutz schwerkranker Menschen vor unnötigem Leid. Erfreulicherweise ist das Netz an palliativen Diensten und Hospizen in Deutschland kontinuierlich ausgebaut worden und soll weiter gestärkt werden. Die Hemmnisse beim Aufbau dieses Netzes verweisen freilich auf ein Grundproblem. Es geht um die Frage, wie weit die mit "Palliative Care" verbundene Grundhaltung im Alltag der Medizin Rückhalt findet. Berechtigte Zweifel kommen auf, ob Palliation tatsächlich Bestandteil der Medizin ist oder als etwas Besonderes jenseits des "eigentlichen" Heilauftrags kurativer Medizin verbucht wird.

Zur Erläuterung sei auf die Begriffe Kuration und Palliation verwiesen. Wo Kuration im Sinne des klassischen Selbstverständnisses der Medizin endet und wo Palliation anfängt, das bleibt oft scharf getrennt, dabei ist der Zusammenhang wichtig: "Pallium", also einen schützenden Mantel, braucht jeder Leidende ebenso wie wohlverstandene "cura", also Fürsorge, Behandlung, Verantwortung, auch wenn diese oft verkürzt wird auf die technische Behandlung des Körpers als Objekt.

Kuration kann in dieser Tradition als Wiederherstellung vollständiger Gesundheit verstanden werden: eine Erkrankung heilt durch medizinische Maßnahmen aus. Restitutio ad integrum nennt die Medizin dieses Ideal. Umgangssprachlich heißt dies: Es ist wieder alles gut. Solche Erfolge erringt die moderne Medizin in stattlicher Zahl. Wenn es gelingt, einen bösartigen Tumor mit Skalpell, Strahlen oder Medikamenten zu beseitigen, kann von einer vollständigen Heilung gesprochen werden. Dass psychische Folgeschäden nachbestehen können, tritt aber oft in den Hintergrund, wenn das eigentliche "Krankheitsübel" beseitigt werden konnte.

Häufiger als die vollständige Heilung gelingt es, bei schweren Erkrankungen das Überleben zu verlängern. Eine gute Botschaft, aber unter Kuration im engeren Sinne darf dies nicht verbucht werden; es gibt fließende Übergänge. Fraglos lässt sich auch bei Patienten, die unter metastasierten Krebserkrankungen leiden, manchmal das Leben verlängern. Dieser therapeutische Nutzen nimmt aber mit dem Fortschritt der Erkrankung ab.

In dieser Situation taucht häufig die Frage auf, ob eine nochmalige Chemotherapie oder Bestrahlung mehr Nutzen oder mehr Schaden stiftet. Noch immer berichten Patienten davon, dass ihnen lange Hoffnung gemacht wird, bis ihnen quasi aus heiterem Himmel verkündet wird: "Wir können nichts mehr für Sie tun." Dieser Satz sollte aus dem Sprachschatz von Ärzten gelöscht werden, weil er ausblendet, was sehr wohl getan werden kann - und zugleich genau davon schnell und gekonnt entbindet.

Wer so spricht, lebt in einer Gedankenwelt, die ein klar umrissenes medizinisches Behandlungsversprechen voraussetzt - und auf der anderen Seite das vermutet, was oft abwertend als Palliation bezeichnet wird. Dann fällt auch häufig der Satz: "Besorgen Sie sich einen Platz im Hospiz". Geht es da nur um einen "Platz" oder um komplexe Behandlungen und einfühlsame Begleitung während existenziell tief greifender Lebensabschnitte?