Neuer Weg in der Alkoholtherapie Halbtrocken

Auf das eine oder andere Glas zu verzichten, kann bereits ein Erfolg sein.

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Es muss nicht immer die Abstinenz sein: Erstmals wird in Deutschland das reduzierte Trinken als Therapieziel für Alkoholiker offiziell anerkannt. Doch nicht wenigen in der Suchthilfe bereitet dies Unbehagen.

Von Berit Uhlmann

Irgendwann blieb der Mann einfach da liegen, wo er gestürzt war. Aufstehen konnte er nicht, in seinem Bein war ein Knochen zersplittert. Aufstehen wollte er auch gar nicht, sein Zimmer bot alles, was er vom Leben noch erwartete: genug Bier und Schnaps, um sich dem Tod endgültig entgegenzutrinken. So war seine einzige Forderung: keine Ärzte, keine Hilfe. "Sterben", heißt der autobiografische Roman, in dem der Norweger Karl Ove Knausgård das Ableben seines Alkoholiker-Vaters beschreibt. Wer es durch die Schilderungen schafft, bleibt mit dem bedrückenden Gefühl zurück, dass alles besser gewesen wäre als dieses Sterben. Hätte man das Elend nicht wenigstens etwas mildern können?

Doch mit der Schadensminimierung gab sich die Suchthilfe lange Zeit nicht zufrieden. Reichte sie einem Bedürftigen die Hand, besiegelte die Geste einen Vertrag, in dem es um alles oder nichts ging. Kein Tropfen, nie mehr. Die Likörpraline galt nun als Teufelszeug, das direkt wieder in die Sucht führt. Noch in den 1980er-Jahren flog sofort aus dem Entwöhnungsprogramm, wer einen Rückfall erlebte.

So ist es bemerkenswert, was sich derzeit in der Alkoholtherapie vollzieht. Seit Anfang September ist das erste Medikament auf dem Markt, das nicht primär Abstinenz zum Ziel hat, sondern helfen soll, weniger zu trinken. Zudem stimmen die Fachgesellschaften über eine Leitlinie ab, die erstmals das reduzierte Trinken als eine Alternative auch in Deutschland anführt. "Ein Konsens zeichnet sich ab", sagt Karl Mann vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim.

Einen Sinneswandel unter vielen Kollegen beobachtet auch der Suchtforscher Joachim Körkel. Der Psychologe der Evangelischen Hochschule Nürnberg propagiert das Konzept des kontrollierten Trinkens seit 15 Jahren, salonfähig ist er damit erst seit Kurzem.

Körkel kann viele Argumente für den Ansatz nennen, vor allem aber zitiert er eine Zahl: 90 Prozent der Menschen mit Alkoholproblemen gelangen nie in Behandlung. Die Hürde des "nie mehr" ist einer der Hauptgründe dafür. "Nie mehr" bedeutet für die Betroffenen nicht nur den endgültigen Verzicht auf den begehrten Stoff, sondern auch, für den Rest des Lebens als Säufer gebrandmarkt zu sein.