Schlafverhalten Die Nacht ist nicht nur zum Schlafen da

Durchschlafen wird überbewertet: Kulturwissenschaftler entdecken die Vielfalt der Schlafkulturen und begründen, wieso wir im Bett auf allzu enge Normen verzichten sollten.

Von Christian Weber

Alle glücklichen Schläfer gleichen einander; jeder unglückliche Schläfer ist auf seine eigene Weise unglücklich. So sehen es bislang die Mediziner, die derzeit knapp 90 unterschiedliche schlafbezogene Störungen definieren: Da gibt es die Insomnien, die Parasomnien und die Hypersomnien, das nächtliche Zähneknirschen, das Restless-Legs-Syndrom, die Schlafapnoe, die Narkolepsie, sonambulische Wanderungen und die gespenstischen REM-Schlafstörungen, bei denen der Betroffene seine Trauminhalte ausagiert, auch wenn sie gar nicht süß sind.

Einer repräsentativen Erhebung zufolge geht der erwachsene Mensch in Deutschland um durchschnittlich 23:04 Uhr in einem dunklen und ruhigen Raum zu Bett, verliert eine Viertelstunde später sein Bewusstsein und wacht nach sieben Stunden und 14 Minuten wieder auf.

(Foto: Reuters)

Anders beim glücklichen Schläfer: Einer repräsentativen Erhebung zufolge geht der erwachsene Mensch in Deutschland um durchschnittlich 23:04 Uhr in einem dunklen und ruhigen Raum zu Bett, verliert eine Viertelstunde später sein Bewusstsein und wacht nach sieben Stunden und 14 Minuten wieder auf.

Dabei liegt er von frühester Kindheit an allein im Bett; nach geglückter Partnersuche dann immer zu zweit, bis dass ein Richter oder ein noch tieferer Schlaf sie scheidet. So oder so ähnlich, vielleicht mit 30 bis 40 Minuten mehr Bettzeit, sollte Ratgebern zufolge die Schlafkarriere des Mitteleuropäers aussehen. Tut sie das nicht, bestehe womöglich Therapiebedarf. Vielleicht genügt auch eine neue Matratze - die Schlafindustrie mit ihren Produkten steht bereit. Geht's wirklich nur so?

"Ach was", sagt der Wissenschaftshistoriker Philip Osten von der Universität Heidelberg, der unter anderem zur Geschichte des Schlafes forscht. "Schlaf ist nicht nur Endokrinologie, sondern immer auch kulturelles Produkt - man kann ganze Gesellschaften danach unterscheiden, wie sie schlafen." So sei auch das heutige in Deutschland verbreitete Konzept des Idealschlafes - acht Stunden in einem Block, Schlafbeginn vor Mitternacht - ein Produkt der Industriekultur zwischen 1860 bis 1900, wobei wahrscheinlich noch die diätetischen Ideen des königlich-preußischen Leibarztes Christoph Wilhelm Hufeland (1762-1836) nachgewirkt haben:

Die Arbeiter sollten ausgeruht dem Rhythmus der Fabriken folgen können, ohne zwischendurch ein Nickerchen zu benötigen. In den Wohnungen sah es allerdings noch lange Zeit anders aus als heute: Noch vor hundert Jahren schliefen etwa in Berlin mehr als eine Million Menschen mindestens zu viert in einem Zimmer, berichtet Osten.

Noch skeptischer gegenüber dem westlichen, monophasischen Standardmodell sind Autoren, die sich zeitlich oder kulturell weiter weg bewegen: Der Historiker Roger Ekirch von der Virginia Tech University etwa vermutet in seiner Monographie zum Thema ("In der Stunde der Nacht"), dass die prähistorischen Menschen womöglich erst nach und nach gelernt hätten, die "gefahrvolle Dunkelheit" zu verschlafen.

Gesichert aber sei, dass die meisten Menschen Westeuropas bis zum Ende der frühen Neuzeit in den meisten Nächten in zwei längeren Zeitabschnitten schliefen, die von einer mindestens einstündigen Wachphase meist irgendwann nach Mitternacht unterbrochen war - "um zu rauchen, nach der Zeit zu sehen oder das Feuer zu versorgen". Was heute als schnöde Durchschlafstörung diagnostiziert wird, wäre demnach häufig nur eine Wiederkehr dieses alten Musters. "Der nahtlose Schlaf, den wir heute anstreben, ist eigentlich etwas Unnatürliches, eine Erfindung der modernen Welt", versichert Ekirch.