Medikamentenabhängigkeit Sucht auf Rezept

Der Hausarzt verschreibt ein Schlafmittel. Funktioniert wunderbar - bis die kleinen Helfer selbst zum Problem werden. Etwa 1,5 Millionen Deutsche sind medikamentenabhängig. Wie schnell Patienten in die Sucht abrutschen können, wird häufig unterschätzt.

Von Katrin Neubauer

"Ich schaffe das nicht" - dieser Gedanke war allgegenwärtig im Kopf von Martina S.* Er ließ die Mutter von drei Kindern nicht zur Ruhe kommen, auch nachts nicht. Der Arzt verschrieb der 30-Jährigen Benzodiazepine gegen Angst und Schlaflosigkeit. Das wirkte. Es wirkte so gut, dass sie später ihre Kinder zwang, Rezepte zu fälschen, indem sie die Menge der Packungen erhöhten. Aus der Ziffer "2" wurde die Ziffer "8". "Wir haben das alles gedeckt", erinnert sich ihr Sohn. Aus Scham. Keiner sollte die Sucht bemerken. Immer hieß es: "Mutter ist krank."

Nach Schätzungen der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) sind in Deutschland rund 1,5 Millionen Menschen medikamentenabhängig. Etwa. 1,1 bis 1,2 Millionen schlucken regelmäßig Benzodiazepine. 300.000 bis 400.000 Menschen sind abhängig von Schmerzmitteln und anderen Präparaten wie den Schlafmitteln Zopiclon, Zolpidem und Zaleplon sowie von codeinhaltigen Hustenstillern.

Vier bis fünf Prozent aller häufig verordneten Arzneimittel besitzen nach Angaben der DHS ein Suchtpotenzial. "Schätzungsweise ein Drittel bis die Hälfte dieser Mittel werden nicht wegen akuter medizinischer Probleme, sondern langfristig zur Suchterhaltung und Vermeidung von Entzugserscheinungen verordnet", so die DHS.

Benzodiazepine, deren prominentester Vertreter Valium ist, dämpfen das zentrale Nervensystem, Ängste werden vermindert und selbst Schmerzen lassen nach. Der Patient fühlt sich besser, solange die Wirkung anhält. Doch genau darin liegt die Gefahr. Irgendwann gewöhnt sich der Körper an die Pillen und um den gewünschten Effekt zu erzielen, muss die Dosis erhöht werden.

Allgemein gilt: Benzodiazepine sollten nicht länger als vier Wochen eingenommen werden, um eine Abhängigkeit zu verhindern. Einige Experten halten sogar das für zu lang. "Der Verordnungszeitraum sollte 8 bis 14 Tage nicht überschreiten", mahnt der Bremer Gesundheitswissenschaftler Gerd Glaeske. "In der Realität kommen allerdings Monate und Jahre zustande." Wie bei Martina S.