Medikamente Nein, meine Pille ess' ich nicht

Etwa ein Drittel der verschriebenen Medikamente werden nicht geschluckt. Jeder dritte Patient nimmt seine Medikamente nicht, ältere Menschen sind besonders skeptisch.

Von Werner Bartens

Der erfahrene Hausarzt hat eine einfache Lösung gefunden, um seinen neuen Patienten die tägliche Tablettenlast zu erleichtern: "Jedes Medikament, das ich nicht kenne, streiche ich von der Liste", sagt der Doktor. "So wichtig wird es dann schon nicht sein. Und die Menschen tun sich leichter, wenn sie weniger Pillen schlucken müssen."

Viele Patienten sind von der Dosieranleitung und Tagesverteilung der Medikamente überfordert. Gerade ältere Menschen kapitulieren oft vor zu komplexen Behandlungen.

(Foto: dpa)

Schließlich ist die Treue zur Verordnung ein riesiges Problem. Etwa ein Drittel der in Deutschland verschriebenen Medikamente werden nicht geschluckt. Manchen Studien zufolge erreichen sogar mehr als 40 Prozent der Arzneimittel nie ihr Ziel. Sie landen im Müll oder in der Toilette statt im Magen der Patienten.

Ärzte wissen seit Jahrzehnten um die Schwierigkeit, dass Pharmaka von vielen Patienten als eine Art stille Reserve angesehen werden oder als Notfallmittel, falls sich ihr Zustand noch weiter verschlechtern sollte. Lange wurden die Patienten als zu undiszipliniert und widerspenstig gescholten, wenn ihre Compliance zu wünschen übrig ließ. So bezeichnen Ärzte die Bereitschaft der Patienten, den Anweisungen zu folgen.

Der Blick auf die Ursachen hat sich allerdings geändert. "Fehlende Compliance bedeutet auch, dass die Patienten andere Gewichtungen vornehmen als die Ärzte", sagt Michael Kochen, langjähriger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin.

Schließlich kann es auch am Arzt liegen, wenn der Patient nicht schlucken will, was er verordnet bekommen hat. Womöglich wurde ihm weder ausreichend der Schweregrad der Erkrankung vermittelt noch der Vorteil der Behandlung. Viele Patienten werden auch nicht genügend darüber aufgeklärt, wie sie die verschriebenen Mittel einnehmen sollten und sind von der Dosieranleitung und Tagesverteilung überfordert.

Gerade ältere Menschen kapitulieren oft vor zu komplexen Behandlungen. In einer Untersuchung in Chicago gab die Mehrzahl von 464 älteren Menschen an, sieben Medikamente zu sechs verschiedenen Zeiten zu nehmen (Archives of Internal Medicine, Bd.171, S.300, 2011).

Aus Angst vor Wechselwirkungen der Mittel machten es sich die Teilnehmer unnötig schwer. "Man muss Patienten sagen, welche Mittel sie zusammen nehmen können", sagt Studienleiter Michael Wolf. "Dann halten sie sich genauer an die Verordnung." Etliche Patienten nahmen die Medikamente zu verschiedenen Zeiten ein, wenn die Hinweise zwar identisch waren, ein Mittel jedoch mit Flüssigkeit zum Essen genommen werden sollte.

Auch die Angst vor Nebenwirkungen nimmt im Alter offenbar zu. In einer Studie mit 356 Senioren, die vorab online in den Archives of Internal Medicine veröffentlicht wird, gab die Mehrzahl an, vorbeugende Herz-Kreislauf-Mittel nicht nehmen zu wollen, weil sie mit Nebenwirkungen einhergingen.

"Ärzte müssen den Nutzen einer Medikation stärker betonen und die Argumente dafür und dagegen mit den Patienten besser abwägen", sagt die Altersmedizinerin Terri Fried von der Yale University. "Sonst überwiegt die Wahrnehmung der Nebenwirkungen und hält die Menschen von der Einnahme ab, sogar wenn es sich dabei nur um Übelkeit und Erschöpfung handeln sollte."