Lepra Die verschwundene Seuche

Das Mittelalter gilt als Hochzeit der Lepra-Infektionen. Doch vor etwa 600 Jahren zog sich die Krankheit aus Europa zurück. Warum? Neue genetische Erkenntnisse könnten helfen, das Rätsel zu lösen.

Von Katrin Blawat

Was den Lärm angeht, hat sich in der Frankfurter Klappergasse seit dem Mittelalter vermutlich wenig geändert. Heute liegt die Straße mitten im Ausgeh-Viertel Sachsenhausen und ist bekannt für ihre zahlreichen Apfelwein-Wirtschaften. Gläser und Krüge klirren auf den Tischen, der Apfelwein lässt die Stimmen laut werden. Die Klappergasse klingt nach abendlichem Vergnügen.

Im Mittelalter klang sie nach Siechtum und Leid. Leprakranke waren damals in den Straßen verpflichtet, vor sich selbst zu warnen: "Achtung, hier kommt ein Aussätziger". Damit das jeder mitbekam, mussten die Kranken Schellen, Glocken und Ratschen mit sich tragen. Deren Gebimmel und Geklapper gab der Klappergasse ihren Namen.

Derartige Erinnerungen an die Zeit, als in Teilen Europas beinahe jeder Dritte mit Lepra infiziert gewesen sein soll, gibt es in zahlreichen Städten. Umso mehr erstaunt es, wie viele Rätsel die Krankheit noch heute Biologen, Medizinern und Historikern aufgibt. Wie kam die Mikrobe Mycobakterium leprae einst über die Menschen? Und wie nach Europa?

Früher hatten viele Forscher die Kreuzzügler im Verdacht. Heute gilt es als wahrscheinlicher, dass die Römer die Mikroben nach Europa eingeschleppt haben, als einige ihrer Legionen von Ägypten verlegt wurden. Doch auch dahinter steht ein Fragezeichen. Und sind die Erreger, die vor Jahrhunderten kursierten, die gleichen, die heute noch jedes Jahr weltweit mehr als 220.000 Menschen infizieren?

Immerhin diese Frage ist nun gelöst. Wissenschaftler um die Paläogenetikerin Verena Schünemann von der Universität Tübingen gelang es, die Genome mehrerer mittelalterlicher Stämme des Lepra-Erregers zu entziffern (Science, online). Die DNA-Proben hatten die Forscher aus Skeletten in Dänemark, Schweden und England herausgefriemelt, an denen die Krankkeits-typischen Knochenveränderungen zu erkennen waren.