Internetabhängigkeit Elektronisch gefesselt

PC-Kenntnisse sind heute wichtig. Doch wer die reale gegen die virtuelle Welt eintauscht, ist gefährdet.

Macht das Internet abhängig? Die Frage ist offiziell nicht geklärt. Doch wer mit Jugendlichen zu tun hat, die 16 Stunden pro Tag vor dem PC sitzen, sagt: Rollenspiele und soziale Netzwerke bergen ein Suchtpotenzial, das von vielen unterschätzt wird - allen voran von Eltern.

Von Katrin Neubauer

Kaum zur Tür herein, wirft der Junge den Schulranzen in die Ecke und schaltet als Erstes den Computer ein. Das Smartphone ist ohnehin stets griffbereit. Bereits Schulanfänger werden von ihren Eltern mit Internethandy, iPad und PC versorgt. Erhebungen zufolge haben inzwischen 97 Prozent der 12- bis 19-Jährigen Zugang zu einem internetfähigen Handy und 82 Prozent einen eigenen Computer im Zimmer.

Doch wieviel Leidenschaft für die Technik ist normal? Ist es schon Sucht, wenn ein Jugendlicher immer mehr Zeit am PC verbringt? Die Weltgesundheitsorganisation, nach deren Kriterien in Deutschland psychiatrische Diagnosen gestellt werden, erkennt so etwas wie eine Internetabhängigkeit nicht an. Auch in den USA, wo ein eigener psychiatrischer Diagnose-Katalog gilt, ist diese Form der Abhängigkeit nicht als Krankheit akzeptiert. Wissenschaftler, die vor kurzem das einflussreiche amerikanische Diagnose-Handbuch DSM-5 überarbeiteten, empfahlen jedoch, die "Internet Gaming Disorder" zu beobachten und besser zu erforschen.

Denn es gibt es die Menschen, deren Leben sich zunehmend um das Netz dreht. "Das Abhängigkeitspotenzial des Internets wird absolut unterschätzt", meint Gabriele Farke, Gründerin des Vereins "Hilfe zur Selbsthilfe für Onlinesüchtige e.V". Gerade für Online-Spiele seien Kinder- und Jugendliche besonders gefährdet. Im Pixelrausch verlören sie die Kontrolle über sich und die Zeit. Täglich zehn, zwölf, 16 Stunden am PC seien keine Seltenheit. "Nächte werden durchgezockt, manchmal Wecker gestellt, um international mitspielen können", berichtet sie. Durch den mobilen Zugang über Smartphones sei es "noch schlimmer" geworden. "Viele können sich nicht mal in der Beratung von ihrem Bildschirm trennen", sagt Farke, die auch das Suchthilfe-Portal www.onlinesucht.de betreibt.

Wann das Spiel zur Sucht wird, ist schwer einzuschätzen. Ein Indiz ist die Zeit. Schweizer Psychologen sehen ab einer Wochenspielzeit von 35 Stunden das gesunde Maß als überschritten an. Selbsthilfevereine halten schon 25 Stunden pro Woche für bedenklich. Ausschlaggebend ist dabei vor allem, inwieweit der PC persönliche Bindungen ersetzt.