Gesundheitssystem Kind gerettet, Krankenhaus in den Miesen

Seltene Krankheiten sind für Kliniken oft ein Verlustgeschäft, da die Krankenkassen zu wenig Behandlungskosten erstatten. Das spüren vor allem universitäre Einrichtungen, die viele Patienten mit solchen Leiden aufnehmen. In Tübingen protestieren nun Eltern gegen das Abrechnungssystem.

Von Nina von Hardenberg

Sie kommen von weit her, um ihre Kinder beim Spezialisten behandeln zu lassen. In München etwa reiste der fernste Patient mit seiner Familie aus Sibirien an, aus einer kleinen Stadt südlich von Nowosibirsk. Der zweijährige Junge litt an einem Neuroblastom, einem Krebs im hinteren Bauchraum, der in die Blutgefäße hineinwächst.

Das Haunersche Kinderspital ist in Deutschland das Referenzzentrum für die komplizierte Operation zur Entfernung dieser Art von Tumoren. Während andere Kliniken zwei bis drei Patienten mit solchen Tumoren im Jahr behandeln, sind es in dem Münchner Uniklinikum 25 bis 30.

Chefarzt Dietrich von Schweinitz dürfte das Renommee freuen. Für die Kaufleute der Uniklinik ist sein Ruf als Spezialist für diese komplizierten Fälle dagegen manchmal ein Problem; denn die schwierige OP ist finanziell gesehen ein Minusgeschäft, bei der die Klinik bis zu 20.000 Euro draufzahlt. Der Grund: Die Erkrankung ist so selten, dass es für sie schlicht keine richtige Abrechnungsmöglichkeit gibt.

Mit der Behandlung von seltenen oder komplizierten Leiden können Kliniken kaum Geld verdienen. Dieses Problem kennt man auch in Tübingen. Die Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin hat im vergangenen Jahr 489 Kinder aufgenommen, die die Klink 50 Prozent mehr gekostet haben, als die Krankenkassen erstatteten. Diese Kostenausreißer machten zwar weniger als fünf Prozent aller Patienten aus, doch mit ihnen machte die ohnehin defizitäre Klinik immerhin 2,17 Millionen Euro Minus.

In Tübingen haben sich nun Eltern- und Fördervereine zusammengeschlossen, um für eine bessere Finanzierung der Klinik zu werben. Unter dem Motto "Ich bin keine Fallpauschale" stellen sie im Internet Kinder vor, die im derzeitigen Abrechnungssystem den Kliniken, die ihnen helfen, eine ungedeckte Rechnung hinterlassen.

Es finden sich Berichte über ein Baby, das mit Gehirnerkrankung monatelang auf der Intensivstation lag, und von krebskranken Kindern, die immer wieder in die Klinik zurückkehren mussten. Sie alle blicken den Betrachter auf Fotos ernst und direkt an. Wir sind ein hilfsbedürftiges Kind, lautet die Botschaft, kein "Fall".

Tatsächlich sind Kostenausreißer kein Problem der Kindermedizin allein. Derzeit zahlen alle Krankenhäuser drauf, wenn ein Patient eine besonders komplizierte oder langwierige Behandlung benötigt. Im System der Fallpauschalen erhalten Klinken schließlich für jeden Patienten eine fixe Summe, die sich an den durchschnittlichen Kosten für die Behandlung bemisst. Dafür verdienen sie aber umgekehrt auch zusätzlich, wenn Patienten schneller als der Schnitt genesen. So sollen sich schwere und leichtere Fälle ausgleichen.

Der Ausgleich funktioniert bei normalen Kliniken, in Häusern mit zahlreichen komplizierten Fällen funktioniert er häufig nicht. Sie haben viele teure Patienten und oft zusätzlich noch höhere Personalkosten, sei es weil sie eine Notaufnahme rund um die Uhr besetzt halten, oder weil sie - wie das Kinderspital in München - ein großes medizinisches Spektrum abdecken.

Spezialisierung mit Vor- und Nachteilen

Andere Kliniken hätten durch Spezialisierung an Effizienz gewonnen, berichtet Chefarzt Dietrich von Schweinitz. Für manche Patienten aber sei es ein Segen, dass in München noch so viele Spezialisten unter einem Dach zu finden seien.

So konnte kürzlich einem Kind aus England geholfen werden, das an einem Nierenkrebs litt, der bereits in die Leber und in beide Lungen gestreut hatte. In England hätten die drei Organe von Urologen, Bauch- und Thoraxchirurgen in drei verschiedenen Kliniken operiert werden müssen. In München konnte das alles in einer Klinik gemacht werden. Wer ein so spezielles Angebot macht, brauche auch eine spezielle Vergütung, fordert auch der Verband der Universitätsklinika.

Einiges hätte sich in den vergangenen Jahren immerhin verbessert, sagt Ralf Heyder, Generalsekretär des Verbandes. So seien die Fallpauschalen immer präziser geworden und bildeten nun zum Teil komplizierte Leiden besser ab.

Das Grundproblem sei geblieben: Das System der Pauschalen ziele immer auf den Standardfall ab. Unikliniken aber seien die Anlaufstelle für die Ausnahmen, für seltene Erkrankungen und komplizierte Verläufe. Das aber werde nach wie vor nicht honoriert.

"Hochleistungsmedizin für schwerstkranke Kinder lässt sich nicht immer pauschal regeln und - die Kinder sind heute krank", heißt es denn auch in einer Petition, mit der sich die Tübinger Protest-Initiative an die Bundesregierung wenden will. Für die Schwerst- und Spezialfälle an den universitären Kinderkliniken müsse umgehend eine faire und kostendeckende Vergütung geschaffen werden.

Hoffnung für die Kliniken gibt es. Die Bundesregierung hat in einem der letzten Gesetze vor der Sommerpause beschlossen, das Problem der Kostenausreißer im Jahr 2014 wissenschaftlich untersuchen zu lassen. 2015 könnte mit den Ergebnissen der Studie dann eine Extravergütung für diese Patienten entwickelt werden.