Gesundheitspolitik Näher ans Leben, bitte!

Die Bevölkerung wird immer älter, Ärzten wird immer häufiger ein Misstrauensvorschuss entgegengebracht und die Pflege ist chronisch unterbesetzt und unterbezahlt.

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Das Gesundheitsministerium ist zur Unterabteilung des Wirtschaftsministeriums verkümmert. In dieser Schrumpfform gehört es abgeschafft - egal, wer nach der Wahl darin haust.

Kommentar von Werner Bartens

Spätestens wenn es eng wird mit der Gesundheit, einsam, dunkel und elend, kommt die große Angst. Die Angst davor, allein zu sein im Alter, nicht die Pflege zu bekommen, die man braucht, nicht die medizinische Versorgung, die hilfreich und angemessen wäre. "Lebensnah" ist ein dehnbarer Begriff, aber was sonst wären lebensnahe Themen, wenn nicht jene, in denen es um das Wohlbefinden, die Betreuung von Kranken und die Versorgung der Alten geht? Zeit und Zuwendung sind hier vor allem gefragt, Verständnis und Fürsorge - und manchmal auch etwas so altmodisch Klingendes wie Barmherzigkeit.

Gemessen an diesen Kriterien war der Wahlkampf alles andere als lebensnah. Auch in den Parteiprogrammen findet sich wenig dazu, wie die Menschen besser leben und weniger leiden, wie sie zufriedener alt werden und was sie erwartet, wenn sie gebrechlich sind oder nicht mehr Herr ihrer Sinne. Die Bevölkerung wird immer älter, Ärzten wird immer häufiger ein Misstrauensvorschuss entgegengebracht und die Pflege ist chronisch unterbesetzt und unterbezahlt - aber auf der politischen Agenda finden sich diese Themen weit abgeschlagen.

Ohne ein Konzept von guter Medizin gehört das Ministerium abgeschafft

Die Gesundheitspolitik gilt als Straflager des Parlaments, durchgeschüttelt und vereinnahmt von mächtigen Lobbygruppen. Aber das allein kann doch nicht die Verwaltungsstarre und Fantasielosigkeit der entsprechenden Ministerien, Behörden und Institutionen erklären. Wo bleibt der Plan für eine Pflegereform, die diesen Namen verdient und sich nicht dadurch auszeichnet, hilflosen Alten im Zweiminutentakt zweimal am Tag die Stützstrümpfe an- und wieder ausziehen zu lassen? Was ist das Ziel der Gesundheitspolitik, die ja nicht einmal eine überzeugende Theorie hat? Grundversorgung oder Spitzenmedizin, Wohlergehen für möglichst viele oder Gewinn für wenige durch flächendeckende Krankmacherei, Überdiagnosen und unnötige Therapien? Bisher ist da vor allem Wildwuchs, inklusive eklatanter Mängel (Diabetiker) und unsinniger Prestigeprojekte (Protonenzentren).

Das Gesundheitsministerium ist längst zur Unterabteilung des Wirtschaftsministeriums verkümmert, das Budgets verwaltet. In dieser Schrumpfform gehört es abgeschafft - egal, wer nach der Wahl darin haust. Ohne ein Konzept von guter Medizin hat es keine weitere Existenzberechtigung. Ähnliches gilt für die Pflegepolitik. Wo ist der Plan, wo die Idee? In der Praxis hat sich längst der osteuropäische Schattenmarkt durchgesetzt. Die Politik vernachlässigt sträflich das, was nah am Leben ist. Das ist ein großer Fehler und rächt sich spätestens dann, wenn Krankheit droht und das Lebensende naht.

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