Ethikrat zum Hirntod Der Punkt, an dem das Leben endet

Wie tot ist ein Hirntoter? Die Frage ist so diffizil, dass sich der Deutsche Ethikrat mit ihr befasste. Die Mehrheit befand: Er ist kein lebendiger Mensch mehr.

Von Christina Berndt

Selten haben die Mitglieder des Deutschen Ethikrates so miteinander gerungen. Doch trotz anhaltenden Magendrückens bei Einzelnen haben sie es zu einem gemeinsamen Papier gebracht: Am Dienstag veröffentlichte der Ethikrat seine Stellungnahme zum Hirntod - jenem nur mit Hilfe der modernen Medizin möglichen Zustand, in dem das Gehirn abgestorben ist, das Herz aber weiter schlägt, solange der Körper an ein Beatmungsgerät angeschlossen ist. Wie komplex das Thema ist, zeigt auch die Stellungnahme des Ethikrats, in der neben einer Mehrheitsposition und einer Minderheitsposition noch ein Sondervotum Platz beansprucht.

In einem Punkt immerhin wurden sich alle Mitglieder einig: Der Hirntod kann nicht nur Voraussetzung für eine Organspende bleiben, er soll es auch. Der Herztod reiche dagegen nicht aus, um einem Menschen Organe zu entnehmen. Zu unsicher sei es, ob und wie lange das Herz nach einem Stillstand nicht doch wieder zum Schlagen animiert werden kann.

Wie tot aber ist ein Hirntoter? Richtig tot, lautet das Votum der Mehrheit im Ethikrat. 18 Mitglieder sind der Ansicht, dass "der Hirntod ein sicheres Zeichen für den Tod des Menschen" ist. Das Gehirn sei nicht nur "die Grundlage des Mentalen und der Subjektivität". Es integriere auch sämtliche Reize. Und schließlich sterbe der ganze Körper, wenn das Gehirn seine Arbeit eingestellt habe. Von einem Hirntoten könne "nicht mehr als einem lebendigen Menschen gesprochen werden".

Für eine Minderheit von sieben Mitgliedern, darunter der Theologieprofessor Peter Dabrock und die Medizinethikerin Claudia Wiesemann, ist der Hirntod dagegen nicht mit dem Tod des Menschen gleichzusetzen. Es gebe schließlich noch weitere Steuerungsfunktionen im Körper, die bei Hirntoten etwa eine Schwangerschaft und Reflexe möglich machten. Der Blutdruck könne ansteigen, das Immunsystem kämpfe gegen Krankheitserreger: "Selbst nach Feststellung des Hirntods verfügt der Organismus also mit Hilfe der Intensivmedizin über vielfältige Funktionen", sagt der evangelische Bischof Martin Hein. "Man kann sagen: In gewisser Hinsicht ,lebt' er."

Eine Organspende sei bei einem Hirntoten legitim, wenn er dies gewollt habe, so der Ethikrat

Gleichwohl sind auch die sieben Vertreter der Minderheitenposition der Ansicht, dass der Hirntod unumkehrbar die Weichenstellung hin zum Tod bedeutet. Eine Organspende sei daher in diesem Zustand legitim, wenn ein Mensch dies ausdrücklich so gewollt habe. Die "Dead Donor"-Rule aus dem Transplantationsgesetz, wonach Ärzte nur Toten Organe entnehmen dürfen, müsste dann allerdings fallen. Aus Sicht der Sieben kein Problem, sie sei "entbehrlich", schreiben sie. Ein Hirntoter habe keinerlei Wahrnehmung und Empfindung mehr, auch sei eine Weiterbehandlung in seinem Interesse nicht sinnvoll.

Angesichts so unterschiedlicher Sichtweisen sei eines besonders wichtig, folgern alle Mitglieder: die völlige Aufklärung der Bevölkerung über alle Aspekte der Organspende. Zudem sei die Ausbildung von Ärzten zu verbessern. In den vergangenen zehn Jahren ist es in mindestens 15 Fällen zu Fehlern bei der Feststellung des Hirntods gekommen - auch wenn nach derzeitigem Ermittlungsstand nie einem Lebenden Organe entnommen wurden. "Mir geht die Stellungnahme deshalb in der Frage, wie die Sicherheit bei der Hirntodfeststellung vergrößert werden kann, nicht weit genug", sagt Claudia Wiesemann.

Handlungsbedarf sieht der Ethikrat in der Frage, welche Maßnahmen zum Schutz der Organe vorgenommen werden dürfen, bevor der Hirntod sicher festgestellt ist. So werden Patienten mitunter Medikamente verabreicht, die ihnen nicht mehr dienlich sind. Diesen Passus kritisiert der Ärztliche Direktor des Uniklinikums Essen, Eckart Nagel, in einem Sondervotum: "Der ärztliche Behandlungsauftrag konzentriert sich auf das Wohl des Patienten und nicht auf eine theoretische Möglichkeit zur Organspende." Der Ethikrat verunsichere die Bevölkerung mit seiner Diskussion über die menschliche Existenz.