Ethik in der Medizin Irrwege der Heilung

Patienten fühlen sich im Gesundheitswesen oft verloren.

(Foto: Illustration: Ilona Burgarth)

Bald werden die Babyboomer alt. Die Forschung entwickelt sich so rasant, dass Ärzte kaum folgen können. Um die gewaltigen Herausforderungen des Gesundheitswesens zu bewältigen, müssen alle Beteiligten umdenken - auch die Patienten.

Von Berit Uhlmann

"Was passiert jetzt?", fragte der Patient, der gerade mit dem Krankenwagen in die Klinik gebracht worden war. "Bleiben Sie sitzen, jemand wird kommen", antwortete der Fahrer des Ambulanzwagens und ließ den Ankömmling im Rollstuhl zurück - allein im Korridor neben der Männertoilette, mit dem Gesicht zur Wand. "Ich fühlte mich gedemütigt. Invalide. Eine Wasserpfütze sickerte unter der Toilettentür durch." Mit diesen Eindrücken beginnt ein langer Krankenhausaufenthalt, den der britische Sänger und Autor Ben Watt in seinem Buch "Patient" beschreibt.

Die Szene spielt 1992 in England. Doch auch jeder heutige Kranke, der genug Zeit in einer deutschen Klinik verbringt, kann von ähnlichen Erlebnisse berichten: langes Warten im Flur im hinten offenen Flügelhemd, ein winziges Bad für zu viele Patienten, ein entsetzlich kompliziertes Prozedere, um eine Fernbedienung für den Fernseher zu erhalten. Und jeder Arzt, der ausreichend lange Einblicke in das Krankenhausleben hat, kann eine Menge Gründe dafür nennen: das Abrechnungssystem, das Zuwendung kaum berücksichtigt, die Bürokratie im Gesundheitswesen, die Überlastung der Angestellten, der allgegenwärtige Personalmangel.

"Wir stellen jedes Quartal neue Schwestern ein", sagt Reiner Gradinger, ärztlicher Direktor des Klinikums rechts der Isar. Da es in Deutschland schon lange nicht mehr genug Pflegekräfte gibt, kommen viele von ihnen aus dem Ausland. Spätestens nach einigen Jahren kehren die meisten von ihnen wieder heim. Eine Besserung ist nicht in Sicht.

Im Gegenteil: Das Gesundheitswesen steht vor gewaltigen Herausforderungen. "Um das Jahr 2030 herum geht die Generation der Babyboomer in Rente", sagt der französische Gesundheitsökonom Jean de Kervasdoué. Wer soll diese Menschen versorgen, wenn sich bei ihnen die typischen Alterskrankheiten einstellen? Die Forschung entwickelt sich rasant weiter - innerhalb weniger Jahre verdoppeln sich die Erkenntnisse. Um Schritt halten zu können, spezialisieren sich Mediziner immer stärker. "In den USA gibt es Chirurgen, die nur noch eine einzelne Operation ausführen", sagt Kervasdoué. Wie vermeidet man Bruchstellen im Informationsfluss zwischen all den Fachärzten? Wer sieht noch den ganzen Menschen?

Gerade wird in Deutschland über eine neue Krankenhausreform debattiert. Sie soll 2016 in Kraft treten, doch Ruth Nowak, Ministerialdirektorin des bayerischen Gesundheitsministeriums, ist jetzt schon sicher, dass dies nicht die letzte Änderung sein wird. Denn das Krankenhaus ist eine "Dauerbaustelle".

Die Heilkunde hat nicht nur viele akute Probleme, sondern ist auch mit einer Art Grundleiden geschlagen: "der Beaumolschen Kostenkrankheit", so der Ökonom Kervasdoué. Während die Kosten zunehmen, lässt sich die Leistung kaum steigern. So wie ein Violinist nicht immer effektiver geigen kann, kann ein Arzt nicht noch rascher heilen, eine Krankenschwester ihre Patienten nicht noch schneller pflegen, es sei denn, sie würde an Qualität oder Menschlichkeit sparen. Dass aber beide unabdingbar für das Krankenhaus sind, stand für alle Experten außer Frage, als sie auf dem Gesundheitsforum der Süddeutschen Zeitung und der Katholischen Akademie in Bayern diskutierten. "Vergessen wir unsere humanistischen Werte nicht!", mahnte Kervasdoué.

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