Chronischer Schmerz Wenn sich die Pein in den Körper frisst

Sieben Prozent der Erwachsenen leiden ständig unter Schmerzen. Oft vergehen Jahre, ehe sie eine wirksame Behandlung erhalten. Die Schmerzmedizin ist eine vernachlässigte Disziplin. Der Ärztetag will das ändern.

Von Nina von Hardenberg

Kürzlich hat Heike Drechsler noch einmal einen Ausflug in die Berge gewagt. Nach zwei Kilometern begann das Knie zu schmerzen, dann die Füße und die Schulter. Sie musste umdrehen. "Wandern geht nicht mehr", sagt sie. Geht vielleicht nie wieder. Drechsler, 45, nicht mit der gleichnamigen Leichtathletin verwandt, hat Schmerzen, seit sie denken kann. Als Kind schon plagten sie Migräneanfälle. Wenn andere spielten, lag sie im dunklen Zimmer und "kotzte sich die Seele aus dem Leib". Später kamen diffuse Schmerzen an den Gelenken hinzu - und vom Orthopäden bis zum Zahnarzt Besuche bei Ärzten verschiedenster Fachrichtungen. "Eigentlich fast alle", sagt sie. Nur ein ausgewiesener Schmerzmediziner war nie dabei.

Drechsler sitzt in einem Gruppenraum im Schmerzzentrum am Klinikum Dachau, reibt sich das Knie, lächelt. Die Ärzte haben ihr wenig Hoffnung gemacht: Ihre Schmerzen werden wohl nie mehr verschwinden. Drechsler weiß das nun. Und es geht ihr trotzdem besser. "Es ist toll hier", sagt sie. "Alle haben Schmerzen, alle glauben dir."

Drechsler ist ein anpackender Typ, trägt die Haare kurz, die Füße stecken in rosa Turnschuhen. Sie spricht mit sächsischem "Slang" in der Stimme, der eine Heimat verrät, der sie sich lange entwachsen fühlt. Stabile Partnerschaft, Tochter, Beruf. Und immer Schmerzen, kribbelnde Knie, taube Finger. Erklären lässt sich das nicht so leicht. Einfach hinnehmen aber wollte sie das auch nicht, suchte immer weiter. Und bekam von vielen Medizinern Antworten, aber keine Hilfe.

Etwa sieben Prozent der Erwachsenen in Deutschland leiden an permanenten Schmerzen, die ihr Leben beeinträchtigen; die sie also zwingen, den Sport oder gar den Job aufzugeben. Muskel- und Gelenkschmerzen sind darunter, Operations-schmerzen, die einfach nicht mehr verschwinden und sehr viele geplagte Rücken.

Alte Menschen leiden häufiger an Schmerzen als junge; bei Menschen mit psychischen Problemen setzt sich der Schmerz eher dauerhaft im Körper fest. In einer älter werdenden Gesellschaft und einer hektischen, verdichteten Arbeitswelt nimmt die Zahl der Gepeinigten insgesamt zu. Seit einigen Jahren sind chronische Schmerzen als eigenständige Krankheit anerkannt. Die Patienten aber sind mit ihren Problemen oft noch sehr alleine.

Es fehlen Fachleute, die das Leiden umfassend behandeln, körperlich wie seelisch

Es gibt zu wenig Schmerzmediziner, das hat nun auch der Deutsche Ärztetag diese Woche bei seiner Sitzung in Düsseldorf beklagt. Es fehlen Fachleute, die den Schmerz umfassend behandeln, körperlich wie seelisch, die den Patienten helfen, mit ihrem Leiden umzugehen. Im Schnitt vergingen vier Jahre, bis die Patienten eine wirkungsvolle Behandlung erhielten, heißt es in einem Antrag der Ärzte. Das bedeutet Leid für die Kranken und Schaden für die Volkswirtschaft.

Rückenleiden etwa sind der häufigste Grund, warum Männer im Job fehlen, bei Frauen der zweithäufigste. Es müsse schon in Kliniken mehr gegen akute Schmerzen getan werden, damit diese sich gar nicht erst im Körper festsetzen, fordern die Ärzte. Außerdem bräuchten Schmerzpatienten schneller Hilfe; Hausärzte müssten chronische Schmerzen sicherer von anderen Zipperlein unterscheiden.