Brustkrebs Vielen Frauen kann die Chemotherapie erspart bleiben

Anders bei Evelin Müller. Die heute 65-Jährige, die in Wirklichkeit anders heißt, ertastete den Knoten in ihrer Brust vor 20 Jahren. Nach der Diagnose operierte man sie radikal - die Ärzte nahmen ihr die komplette linke Brust ab, "um ganz sicherzugehen". Zurück blieb eine 15 Zentimeter lange Narbe von der Achsel bis zum Brustbein. Zusätzlich entfernte man der damals 44-Jährigen 16 Lymphknoten. Das hatte weitreichende Folgen. Bis heute kann Müller den linken Arm nicht stark belasten, bis vor zwei Jahren ging sie zweimal in der Woche zur Lymphdrainage, um den Abtransport der Lymphflüssigkeit aus dem Gewebe zu unterstützen.

Maria von Oettingen blieb das erspart, denn seit wenigen Jahren ist es üblich, bei der Operation zunächst nur den sogenannten Wächterlymphknoten zu entfernen, und erst bei positivem Befund weitere Lymphknoten herauszunehmen. In vielen Kliniken ist man inzwischen sogar dazu übergegangen, in bestimmten Fällen selbst bei einem auffälligen Wächterlymphknoten nicht weiter zu operieren. "Nur ein Viertel der Patientinnen mit einem positiven Wächterlymphknoten weist weitere Lymphmetastasen auf", erklärt Brigitte Rack.

Des Weiteren begannen Ärzte vor etwa fünf Jahren, ihre Patientinnen bereits während der OP zu bestrahlen. Davor war es üblich, mit der Strahlentherapie bis nach dem Eingriff zu warten. Die Patientin wurde dann sieben Wochen lang von einem Radiologen behandelt. Ziel der Bestrahlung ist es, die Krebszellen so zu schädigen, dass sie sich nicht mehr vermehren können. Während der OP können Ärzte den Tumor direkt durch die offene Wunde gezielt bestrahlen. "Das hat den Vorteil, dass die Haut oder die umliegende Muskulatur nicht geschädigt werden", sagt Jens-Uwe Blohmer, Chefarzt am Brustzentrum City des Sankt Gertrauden-Krankenhauses in Berlin. Außerdem verkürze sich die Bestrahlungsdauer nach dem Eingriff um einige Tage. Die ausschließliche Bestrahlung während der OP wird bislang nur innerhalb von Studien mit über 50-jährigen Patientinnen angewandt. Für jüngere Frauen wird sie noch nicht empfohlen, da hierzu noch keine Daten vorliegen.

Doch nicht nur bei der Operation und der Bestrahlung gibt es Fortschritte. Vielen Frauen kann heute sogar die Chemotherapie erspart bleiben. Das steigert wesentlich die Lebensqualität der Patientinnen. Maria von Oettingen wurde über viereinhalb Monate mit einer Chemotherapie behandelt und beschreibt diese Zeit als die schlimmste während ihrer gesamten Therapie. Übelkeit, Brechreiz, körperliche Schwäche, Kribbeln in Fingern und Füßen - das waren nur einige der gängigen Nebenwirkungen einer Chemotherapie, mit denen die junge Frau zu kämpfen hatte.

Wichtig für die Entscheidung für oder gegen eine Chemotherapie ist die Klassifizierung des Tumors. Denn Brustkrebs ist nicht gleich Brustkrebs. Inzwischen unterscheidet man zwischen unzähligen verschiedenen Tumorarten, die teilweise sehr unterschiedliche systemische Therapieansätze erfordern, wie Walter Jonat, Direktor der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe in Kiel, berichtet.

Um herauszufinden, um was für eine Art von Tumor es sich handelt, haben Ärzte eine Reihe von Parametern entwickelt. Dazu zählen unter anderem die Größe des Krebsgeschwulstes, die Zahl der befallenen Lymphknoten, das Alter der Patientin, die Geschwindigkeit des Tumorwachstums, dessen Abhängigkeit von Hormonen sowie dem sogenannten Her2-Rezeptor, der auf etwa einem Viertel aller Brusttumore nachgewiesen werden kann. Ist letzteres der Fall, kann eine Behandlung mit biotechnologisch hergestellten Antikörpern erfolgreich sein - eine vergleichsweise neue Form der Brustkrebstherapie.